Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Erste Blüte individnalistischen Geisteslebens. 211 
er steht auf dem Wendepunkt dieser fremden Einwirkung, die 
in der Kunst vor ihm nur stoßweise und unabgeklärt, in der 
Kunst nach ihm übermächtig auftritt. Möglich wurde diese 
Stellung für Holbein, weil er, ganz in der Richtung seines 
Vaters, nur tiefer beanlagt, durch sein eigenes Wesen den 
Italienern so verwandt war, als es der germanische Grund— 
charakter nur eben noch zuließ. Wie diese, besaß er einen 
überlegten Sinn für das gemessen Bewegte: darum ward er 
zum größten Historienmaler des Zeitalters. Wie diese, suchte 
er in geistreicher Kühle den idealen Hintergrund der natür— 
lichen Formen zu gewinnen, indem er von dem Augenblicklichen, 
Zufälligen derselben gleichsam innerlich Abstand nahm: darum 
ward er zum größten Porträtisten. Indem aber so die tiefsten 
Richtungen der italienischen Kunst bei ihm verwandtschaftliches 
Verständnis fanden und zu frühreifer Klärung seiner Kunst 
beitrugen, war es natürlich, daß auch ihre minder tief liegenden, 
auffälligen Eigenschaften bei ihm Zutritt erlangten: der for— 
male Schönheitssinn, die geschlossene Haltung in der Stimmung 
der Farben. So ward er zum selbständigen Träger fremder 
Auffassung in Deutschland, und in seinen Schöpfungen ver— 
körperte sich in germanischem Sinne vollkommen jener italie— 
nische Idealismus, der klassischen Einflüssen und eigener Ent— 
wicklung gleichmäßig verdankt ward. 
Einen deutschen Idealismus aus der naturalistischen 
Formengebung des 15. Jahrhunderts heraus zu entwickeln und 
damit, ohne tieferen fremden Einfluß, die volle Höhe germa— 
nischer Kunst dieses Zeitalters zu erklimmen, blieb Dürer vor— 
behalten. Er ist darum der eigentlich historische Charakter unter 
den Malern der Zeit; wir verstehen ihn besonders gut; er 
spricht vernehmlich zu uns noch heute. 
In Nürnberg hatte die Malerei schon einmal im 14. Jahr— 
hundert eine Blüte erlebt!. Und ging auch ihr schlichter 
1S. Band IV Buch XII Kapitel 3 Nr. IV.
	        
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