Religiösse Bewegung; Luther.
288
häufige Beichte galt als nötig zur Läuterung der grübelnd
zrregten Seele.
Das war es, was Luther zunächst suchte. Und ernst und
freundlich haben ihn die Brüder, als sie sein Wesen sahen, in
seinem Streben unterstützt. Er ward des unfruchtbaren Ein—
sammelns von Käsen und Eiern entbunden; er erhielt weitere
Belehrung; die Schriften der Väter und der großen Lehrer
wurden ihm aufgethan. Schon mochten die Brüder in ihm
rinen künftigen Theologen, eine dereinstige Zierde ihres Ordens
erblicken. Auch alle Mittel herkömmlicher praktischer Frömmig—
keit zur Erringung des Heils durfte er anwenden: alle Arten
massiver Askese, alle Weisen der Kontemplation, alle Gaben
höherer Mystik. Er beachtete die Ordensregel mehr als pein—
lich, er fastete über Maß, er kasteiete sich, er gab sich endloser
Versenkung hin, und er harrte in der Narkose der Verzückung,
bis daß er glaubte, unter den Chören der Engel zu sein: keine
Werkmöglichkeit der alten Kirche zur Rechtfertigung in Voll—
kommenheit blieb unerschöpft: „Ist je ein Münch gen Himmel
kommen durch Müncherei, so wollt ich auch hineinkommen sein;
das werden mir zeugen alle meine Klostergesellen.“
Aber was Luther eigentlich suchte, fand er nicht. Weder
die Ermattung in Zerfleischung des Körpers, noch die verzückte
zeitweilige Vereinigung mit einem pantheistisch verflüchtigten
Gotte täuschten ihn hinweg über die immer mächtigere Forde—
rung seiner Seele, ein persönlich-dauerndes Verhältnis zu Gott
zu besitzen. Das Gegenteil geschah: je mehr alle Mittel der
Kirche sich erschöpften, auch die der Sakramente und vornehm—
lich der Beichte, in der man ihn nicht verstand, um so schreck—
licher ward die Einsamkeit, die Gottverlassenheit seiner Lage;
er trieb dem Abgrund der Selbstverzweiflung zu und des
Wahnwitzes. „Wo nur eine kleine Anfechtung kam von Tod
oder Sünde, so fiel ich dahin und fand weder Taufe noch
Müncherei, die mir helfen möchte; so hatte ich nun Christum
und seine Taufe längst auch verloren. Da war ich der elendste
Mensch auf Erden; Tag und Nacht war eitel Heulen und
damprecht, Deutsche Geschichte V. 15