Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Religiösse Bewegung; Luther. 
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häufige Beichte galt als nötig zur Läuterung der grübelnd 
zrregten Seele. 
Das war es, was Luther zunächst suchte. Und ernst und 
freundlich haben ihn die Brüder, als sie sein Wesen sahen, in 
seinem Streben unterstützt. Er ward des unfruchtbaren Ein— 
sammelns von Käsen und Eiern entbunden; er erhielt weitere 
Belehrung; die Schriften der Väter und der großen Lehrer 
wurden ihm aufgethan. Schon mochten die Brüder in ihm 
rinen künftigen Theologen, eine dereinstige Zierde ihres Ordens 
erblicken. Auch alle Mittel herkömmlicher praktischer Frömmig— 
keit zur Erringung des Heils durfte er anwenden: alle Arten 
massiver Askese, alle Weisen der Kontemplation, alle Gaben 
höherer Mystik. Er beachtete die Ordensregel mehr als pein— 
lich, er fastete über Maß, er kasteiete sich, er gab sich endloser 
Versenkung hin, und er harrte in der Narkose der Verzückung, 
bis daß er glaubte, unter den Chören der Engel zu sein: keine 
Werkmöglichkeit der alten Kirche zur Rechtfertigung in Voll— 
kommenheit blieb unerschöpft: „Ist je ein Münch gen Himmel 
kommen durch Müncherei, so wollt ich auch hineinkommen sein; 
das werden mir zeugen alle meine Klostergesellen.“ 
Aber was Luther eigentlich suchte, fand er nicht. Weder 
die Ermattung in Zerfleischung des Körpers, noch die verzückte 
zeitweilige Vereinigung mit einem pantheistisch verflüchtigten 
Gotte täuschten ihn hinweg über die immer mächtigere Forde— 
rung seiner Seele, ein persönlich-dauerndes Verhältnis zu Gott 
zu besitzen. Das Gegenteil geschah: je mehr alle Mittel der 
Kirche sich erschöpften, auch die der Sakramente und vornehm— 
lich der Beichte, in der man ihn nicht verstand, um so schreck— 
licher ward die Einsamkeit, die Gottverlassenheit seiner Lage; 
er trieb dem Abgrund der Selbstverzweiflung zu und des 
Wahnwitzes. „Wo nur eine kleine Anfechtung kam von Tod 
oder Sünde, so fiel ich dahin und fand weder Taufe noch 
Müncherei, die mir helfen möchte; so hatte ich nun Christum 
und seine Taufe längst auch verloren. Da war ich der elendste 
Mensch auf Erden; Tag und Nacht war eitel Heulen und 
damprecht, Deutsche Geschichte V. 15
	        
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