Verzweifeln, daß mir niemand steuren konnte.“ So setzte sich
das ihm gleichwohl unmittelbar gewisse Gefühl seiner Ab⸗
hängigkeit von Gott je länger je mehr in Furcht und Entsetzen
um; ?er bildete sich Christum vor, wie er auf dem Regen—⸗
bogen sitzt als rächender Richter; er kannte ihn nur noch als
Stockmeister und Henker“ des Gerichts.
In dieser Not, da er Gott suchte als eine ihm persönlich
nahe, ihn persönlich erfüllende und beherrschende liebevolle
Macht und ihm kein Mittel der alten Kirche helfen konnte,
ihn zu finden, da ward ihm die Bibel zum Führer.
Die mittelalterlichen Studien hatten die Bibel als erste
Grundlage aller Theologie längst aus den Augen verloren;
Luther hatte lange geglaubt, ihr Text bestehe nur aus den
Perikopen: da „fand ich in der Liberei zu Erfurt eine Bibel;
die las ich oftmals. Da ward ich darin also bekannt, daß ich
wußte, wo ein jeglicher Spruch stünde und zu finden war,
wenn davon geredet ward; also ward ich ein guter Textualis.
Darnach las ich die Kommentare der Väter und Lehrer. Aber
ich mußte sie zuletzt alle aus den Augen stellen und wegthun,
dieweil ich in meinem Gewissen damit nicht konnte zufrieden
sein, und mußte mich also wieder mit der Bibel würgen:
denn es ist viel besser, mit eigenen Augen sehen, denn mit
fremden.“
Es war eine anscheinend so einfache Errungenschaft —
freilich einfach, wie alles Große. Und wie schlug sie der wissen⸗
schaftlichen Methode der Zeit ins Gesicht. Der gefeierte Erfurter
Scholastiker Bartholomäus Arnoldi von Usingen trat Luthers
Bestrebungen mit den Worten entgegen: „Ei, Bruder Martine,
was ist die Bibel? Man soll die alten Lehrer lesen, die haben
den Saft der Wahrheit aus der Bibel gezogen; die Bibel
richtet allen Aufruhr an.“
Luthern brachte die Bibel tiefste Ruhe der Seele. Frei—
lich anfangs las er sie mit Furcht und Zittern, mit krampf⸗
haftem Forschen nach der Möglichkeit eigenen Heils; und wie
mißverstand er sie zuerst, da er mit den Begriffen der her—