Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Einleitung. 
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wieder vielfach ein Erzeugnis der geschichtlichen Entwicklung; 
von ihrer jeweils erreichten Ausgestaltung ist der Mensch nicht in 
der Lage, sich völlig loszusagen. Nun sind aber dieselben geschicht— 
lichen Mächte, deren Einwirkungen die durchschnittliche Grund— 
lage für den Charakter der Subjektivität verdankt wird, auch 
die bindenden Kräfte der Autorität: Subjektivität und Autorität 
beruhen mithin in vieler Hinsicht auf dem gleichen Grunde 
einer großen Anzahl geschichtlicher Begebenheiten. Deshalb 
stehen beide, geschichtlich betrachtet, nur in fließendem Gegen⸗ 
satz; es besteht eine Wechselwirkung zwischen geschichtlicher 
Notwendigkeit und persönlicher Freiheit, in welcher die beider— 
seits ausschlaggebenden Werte schwanken und sehr verschieden— 
artig bemessen sein können. 
Und hier waren nun in der Kultur des 15. bis 
18. Jahrhunderts die Werte der Autorität entschieden noch 
stärker entwickelt, als in der Kultur der Gegenwart. Selbst 
der Humanismus schloß die Subjektivität in unserem Sinne 
aus; denn ihm war fuür das Leben des Diesseits die Zeit des 
klassischen Altertums unbedingte Autorität; in diesem Sinne 
eben wurde der Begriff „klassisch“ entwickelt. Und diese Auto⸗ 
rität wurde in Deutschland noch viel stärker betont, als etwa 
in Italien; der Gedanke der Würde des Menschen als solchen, 
wie ihn Pico della Mirandola in seiner Oratio de hominis 
dignitate entwickelt hatte, und wie er nachmals dem Zeitalter 
Schillers und Goethens so geläufig war, ist zur Zeit des 
deutschen Humanismus wohl niemals gleich scharf formuliert 
worden. Gewiß wies der Humanismus auch auf sittlichem 
Gebiete schon hin auf ein Ideal unabhängigen, vom Christen⸗ 
tum nicht umfaßten ethischen Lebens, wie es die Alten in 
langer Geschichte errungen zu haben schienen; aber dies Ideal 
blieb verschleiert; erst von Kant ist es, wenn auch in anderer 
Färbung, zweifelsohne enthüllt worden. In der Kultur des 
16. Jahrhunderts dagegen rüttelte der Mensch noch kaum an 
dem christlich⸗religiösen Fundament des Daseins, und auch im 
17. und 18. Jahrhundert war die Zahl der kühnen Geister, 
die dies grundsätzlich thaten, gering. Damit aber war auf
	        
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