Einleitung.
14
wieder vielfach ein Erzeugnis der geschichtlichen Entwicklung;
von ihrer jeweils erreichten Ausgestaltung ist der Mensch nicht in
der Lage, sich völlig loszusagen. Nun sind aber dieselben geschicht—
lichen Mächte, deren Einwirkungen die durchschnittliche Grund—
lage für den Charakter der Subjektivität verdankt wird, auch
die bindenden Kräfte der Autorität: Subjektivität und Autorität
beruhen mithin in vieler Hinsicht auf dem gleichen Grunde
einer großen Anzahl geschichtlicher Begebenheiten. Deshalb
stehen beide, geschichtlich betrachtet, nur in fließendem Gegen⸗
satz; es besteht eine Wechselwirkung zwischen geschichtlicher
Notwendigkeit und persönlicher Freiheit, in welcher die beider—
seits ausschlaggebenden Werte schwanken und sehr verschieden—
artig bemessen sein können.
Und hier waren nun in der Kultur des 15. bis
18. Jahrhunderts die Werte der Autorität entschieden noch
stärker entwickelt, als in der Kultur der Gegenwart. Selbst
der Humanismus schloß die Subjektivität in unserem Sinne
aus; denn ihm war fuür das Leben des Diesseits die Zeit des
klassischen Altertums unbedingte Autorität; in diesem Sinne
eben wurde der Begriff „klassisch“ entwickelt. Und diese Auto⸗
rität wurde in Deutschland noch viel stärker betont, als etwa
in Italien; der Gedanke der Würde des Menschen als solchen,
wie ihn Pico della Mirandola in seiner Oratio de hominis
dignitate entwickelt hatte, und wie er nachmals dem Zeitalter
Schillers und Goethens so geläufig war, ist zur Zeit des
deutschen Humanismus wohl niemals gleich scharf formuliert
worden. Gewiß wies der Humanismus auch auf sittlichem
Gebiete schon hin auf ein Ideal unabhängigen, vom Christen⸗
tum nicht umfaßten ethischen Lebens, wie es die Alten in
langer Geschichte errungen zu haben schienen; aber dies Ideal
blieb verschleiert; erst von Kant ist es, wenn auch in anderer
Färbung, zweifelsohne enthüllt worden. In der Kultur des
16. Jahrhunderts dagegen rüttelte der Mensch noch kaum an
dem christlich⸗religiösen Fundament des Daseins, und auch im
17. und 18. Jahrhundert war die Zahl der kühnen Geister,
die dies grundsätzlich thaten, gering. Damit aber war auf