Religiöse Bewegung; Luther.
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diesen Brief am 8. März 1519 geschrieben. Er war demütig
im Tone, grundsätzlich vergab er den Anschauungen Luthers
nichts. „Ich bekenne frei, daß der römischen Kirche Gewalt über
alles sei, und ihr nichts, weder im Himmel noch auf Erden,
könne vorgezogen werden, denn allein der Herr Jesus Christus,
der Herr über alles.“ Sollte ein solcher Akt nur scheinbarer
Fügsamkeit der Anfang dauernden Friedens sein? Die Thätig—
keit Miltitzens war bestimmt, als Zwischenhandlung zu enden.
Und schon ward auch von anderer Seite her dafür ge—
sorgt, daß dieser Ausgang eintrat: die Bedingung vorläufigen
Schweigens ward von den Gegnern Luthers nicht beachtet.
Zwischen Karlstadt, einem theologischen Kollegen Luthers
an der Wittenberger Universität, und dem Ingolstadter Eck
bestand seit länger eine litterarische Fehde, und die Gegner
waren übereingekommen, sie auf einer Disputation zu Leipzig
auszufechten. Als Vorspiel hierzu gab nun Eck am 12. De—
zember 1518 zwölf Thesen heraus: — aber diese Thesen be—
schäftigten sich fast weniger mit Karlstadt, als mit Luther.
Und auch hinsichtlich Luthers hatten sie wieder eine besondere
Spitze. Sie betonten aufs schroffste den anfänglichen Primat
des Papstes. Sie forderten Luther heraus, seine gegensätzliche
Ansicht klar zu formulieren und sich dadurch als offenbarer
Ketzer von der Kirche zu scheiden.
Die Absicht war unverkennbar, und Luther war nicht der
Mann, sie zu übersehen. Er wollte sich dem Gegner in Leipzig
stellen; den ganzen Winter 1519 widmete er sich emsiger Vor—
bereitung. Und je mehr ihn Ecks Thesen in geschichtliche Studien
hineintrieben, um so mehr erschien ihm der ganze Rechts- und
Verfassungsbau der Kirche nicht bloß unberechtigt, sondern als
das gerade Gegenteil ursprünglicher Anlage der christlichen
Kirche — schon am 183. März 1519 schrieb er an Spalatin:
„Ich beschäftige mich für meine Disputation auch mit den
Dekretalen und (ich flüstere es dir ins Ohr) ich weiß nicht,
ist der Papst der Antichrist selbst oder sein Abgesandter.“
Inzwischen nahte die Zeit der Disputation. Ihr Aus—