Full text : Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Religiöse Bewegung; Luther.

269

hatte hinzugefügt: „Davon will ich noch mehr und kräftiger
schreiben.“ Dies Versprechen erfüllte er in der dritten großen
Schrift des Jahres 1520 „Von der Freiheit eines Christen—
menschen“, die dem Buche De captivitate Babylonica unmittelbar
 folgte.
„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und
niemand unterthan — und: Ein Christenmensch ist ein dienst⸗
barer Knecht aller Dinge und jedermann unterthan.“ Um diese
zwei widerständigen Reden von der Freiheit und der Dienstbar⸗
keit zu verstehen, sollen wir gedenken, daß ein jeder Christen—
mensch zweierlei Natur ist, geistiger und leiblicher.
Für den geistlichen Menschen ist es offenbar, daß kein
äußerliches Ding ihn frei noch fromm machen kann, wie es immer
genannt werden mag. Also hilft es der Seele nichts, ob der
Leib heilige Kleider anlegt, wie die Priester und Geistlichen
thun, auch nicht, ob er in den Kirchen und heiligen Stätten
sei, auch nicht, ob er mit heiligen Dingen umgehe, auch nicht, ob er
leiblich bete, faste, walle und alle guten Werke thue, die durch
und in dem Leibe geschehen möchten ewiglich. Es muß noch ganz
etwas anderes sein, das der Seele Frömmigkeit und Freiheit bringe
und gebe. Sie hat kein ander Ding weder im Himmel noch auf
Erden, darinnen sie lebe, fromm und frei, und Christ sei,
denn die heiligen Evangelien, das Wort Gottes, von Christo
gepredigt, wie er selbst sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit
und das Leben. Im Worte aber hörst du zunächst deinen
Gott zu dir reden, wie all dein Leben und deine Werke nichts
vor ihm seien, sondern müßtest mit alledem, das in dir ist,
ewiglich verderben. So du solches recht glaubst, wie du
schuldig bist, so mußt du an dir selber verzweifeln. Daß du
aber aus dir und von dir, das ist aus deinem Verderben
kommen mögest, so setzt Gott dir vor seinen lieben Sohn
Jesum Christum, und läßt dir durch sein lebendiges, tröstliches
Wort sagen, du sollest in denselben mit festem Glauben dich
ergeben und frisch auf ihn vertrauen. So sollen dir um des—
selben Glaubens willen alle deine Sünden vergeben, all dein
Verderben überwunden sein, und du gerecht, wahrhaftig, be—
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.