288 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Christenheit in Widerspruch setzt, sowohl derjenigen, welche
vor tausend Jahren, als derjenigen, die heute leben, und sich
anmaßt zu behaupten, alle Christen seien bis jetzt im Irrtum
gewesen, so haben wir beschlossen, an diese Sache alle unsere
Reiche und Lande, unsere Freunde, unser eigen Leib, Blut,
Leben und Seele zu setzen .... Der Mönch soll nach In—
halt seines freien Geleites, das wir halten wollen, zurück—
geführt werden; verbieten aber, daß er predige und mit seiner
schlechten Lehre das Volk verführe und Aufruhr errege. Wir
haben beschlossen, gegen ihn als einen wahren und überführten
Ketzer zu verfahren, und ermahnen Euch, daß Ihr in dieser
Sache wie gute Christen und so, wie Ihr versprochen habt,
Eure Meinung kundgebt.“
Viele der Fürsten, da sie diese Worte hörten, wurden
bleich wie der Tod. Zum erstenmal redete der junge Kaiser
aus sich heraus, statt aus dem Munde der Räte: diese
Worte kamen aus den Tiefen seiner Seele, ein persönliches
Zeugnis: der deutsche Mönch hatte den universalen Kaiser
zum Bekenntnis gezwungen.
Unter diesen Umständen konnten weitere Versuche gegen—
seitiger Verständigung, wie sie wohlwollende Fürsten unter
der Führung des Trierer Erzbischofs anbahnten, keinen Erfolg
mehr haben. Sie schwanden dahin vor der sengenden Glut
der emporlodernden Gegensätze: wer nicht für Luther war, war
wider ihn. Luther selbst war darüber nicht im Zweifel: „Es
ist geschehen, wie es dem Herrn gefallen mag; der Name
des Herrn sei gelobt.“
Am 26. April morgens zog Luther in dem kaiserlichen,
noch auf 21 Tage erstreckten Geleit von dannen; am Abend
des 2. Mai kam er in Eisenach an. Von hier aus ging er
die Berge der südlichen thüringischen Hänge, seine Verwandten
um Möhra herum zu besuchen. Er wurde innig von ihnen
aufgenommen: würde man sich jemals wiedersehen? Als er
dann von dorten über die Scheide des Gebirges nach Walters—
hausen zureiste, ward er in tiefer Waldeinsamkeit, an einer Stelle,
die jetzt frommes Gedächtnis mit einem Denkmal geschmückt