Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 307
freundschaftliche Verbindungen gesucht worden; vor der Leipziger
Disputation hatte Luther mit Reuchlin und Erasmus Fühlung
genommen. Und in der That: hatten Reformation und Huma—
nismus nicht noch auf Jahre hin in der Bekämpfung der alten
Kirche gemeinsame Ziele? Nach der Leipziger Disputation
feierte der größte Teil der Humanisten Luther; und Luther
ließ sich das wohl gefallen, wenngleich er gegen die Führer
stets kühl blieb, namentlich gegenüber dem mehr als leidenschaft—
lichen Hutten.
Aber jetzt nun, nachdem sich offen gezeigt hatte, daß
Luthers Kampf gegen die Kirche nur die negative Seite war
des positiven Aufbaus einer neuen Frömmigkeit auf der un—
verbrüchlichen Grundlage der Bibel; und als diese positive
Grundlage, ein völlig Neues auf dem Gebiete geistiger Entwick—
lung, zunächst enthusiastisch aufgenommen ward von den Massen
der Nation, demokratisch, unter krampfhafter Bewegung auch
des äußeren Volkslebens: konnte da der Humanismus noch mit
Luther gehen, diese aristokratische Bewegung der höheren Volks—
kreise, die die möglichste Freiheit persönlichen Daseins predigte,
deren Halt nicht in der Bibel lag, sondern in der hingebenden
Begeisterung für die Antike?
Und längst bereits schien die Reformation den Humanis—
mus überholt zu haben. Die Jugend wollte nichts mehr wissen
vom humanistischen Studium; Kunst und Wissenschaft erschienen
ihr als untergeordnete Mächte — hat doch Luther selbst im
Jahre 1525 die Vernunft des Teufels Hure genannt —: nur
der Glaube beseligte sie. So verödeten die humanistischen
Universitäten; in Erfurt sank die Zahl der Immatrikulationen
zwischen den Jahren 1520 und 1526 von 312 auf 14. Es
war eine neue geistige Strömung, die nun auch die älteren
Humanisten, vor allem die Juristen unter ihnen, von der
Reformation hinwegzutreiben begann; Wimpheling, Zasius,
Mutian, Crotus, schließlich selbst Pirckheimer näherten sich
wieder dem Boden der alten Kirche.
In dieser Not sah alles Volk der Humanisten auf seinen
20 *