308 Fünfzehntes Buch. Zweites Napitel.
geborenen Fürsten und Führer, auf Erasmus. Wird er den
Kampf gegen Luther aufnehmen? Und wird er siegen?
Erasmus hat nie tiefere Sympathien für Luther gehegt;
das war unmöglich, die Charaktere beider waren zu verschieden.
Aber seit dem Erlaß der Bannbulle begann er ihn geradezu zu
verleugnen, wo es nicht anders anging. Im übrigen schwieg
er, alternd, kränklich, niemals dem lauten Treiben demokratischer
Offentlichkeit hold, ein Gelehrter, kein Agitator; zugleich hoffte
er wohl noch im stillen, wie bisher, auf eine Kirchenreform
durch vernünftiges Einvernehmen der oberen Kreise, gleichsam
auf wissenschaftlich-diplomatischem Wege. Aber diese Haltung
behagte den bedrängten Humanisten immer weniger; sie ließ
sich auch im Interesse des erasmischen Ruhms nicht aufrecht
erhalten; denn schon betrachtete Luther den Humanistenkönig
nur noch als geschichtliche Größe: „er hat gethan, wozu er
bestimmt war; er hat die Sprachen eingeführt und von wider—
göttlichen Studien abgelenkt. Vielleicht wird auch er, wie
Moses, in den Gefilden Moabs sterben. Denn zu den besseren
Studien, die auf Frömmigkeit abzielen, führt er nicht!.“
Trotzdem bedurfte es eines naiv provokatorischen Briefes
Luthers vom Frühjahr 1524, um Erasmus zum offnen Auf—
treten zu veranlassen. Im September 1524 erschien seine
Schrift De libero arbitrio. Nur mit Widerstreben gesteht
Erasmus in ihr sich dem Problem der Willensfreiheit zu—
gewendet zu haben; Erörterungen über dunkle, unlösbare Fragen
könnten nur Unheil gebären. So ist denn auch sein Eintreten
in der Sache nicht völlig sicher, seine Darstellung nicht logisch
und spekulativ gedrungen; er giebt allgemeine, auf reicher
Lebenserfahrung beruhende Erörterungen, die zu dem Schlusse
gelangen, daß die Wahrheit inmitten der Gegensätze der Willens—
freiheit und Willensgebundenheit ruhe; daß göttliche Gnade es
schon sei, wenn wir leben und uns eines Willens erfreuen,
dessen Ausübung nicht bloß von der herben Notwendigkeit
absoluter, also göttlicher Prädestination beherrscht sei. Es ist
Brief Luthers an Äkolampad, 20. Juni 1528; Kolde 2, 126.