Full text : Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 315

Strömung teilweis der Gedanke auftauchte, als erkenntnis—
theoretisches Prinzip zum Verständnis der Bibel habe die
ruhige, innere, göttliche Offenbarung des Einzelnen zu gelten;
und dem habe im äußeren Leben eine vollendete stoische Ruhe
des vollkommenen Gläubigen zur Seite zu gehen, wie sie sich
zeige in Enthaltsamkeit vom Kriegsdienst und obrigkeitlichen
Amtern und im widerspruchslosen Erdulden aller Widerwärtig—
keiten des Daseins. Dem enthusiastischen Ideal dagegen ent—⸗
sprach eine Auffassung, wonach das Erkenntnisprinzip der Bibel
zegeben sei in Verzückungen intellektuellen Ursprungs, im visio—
nären Zustand, im Traum und in sonstigen inneren Phanta—
sieen; und diese Auffassung drückte sich in einer energischen, ja
fanatischen Betrachtung des äußeren Lebens aus, das dem
Bedankensystem der Gläubigen unterworfen werden müsse.
Die erstere Auffassung war in Oberdeutschland zu Hause;
ihr wichtigster Bildungsherd war Zurich, die Stadt des schweize—
rischen Reformators; die letztere Auffassung bildete sich vor—
nehmlich in den Grenzländern der husitischen Bewegung, in
Oberfranken, Thüringen, Sachsen; einer ihrer wichtigsten Durch—
zangspunkte war Wittenberg, die Stadt Luthers.
In Zwickau tauchte im Jahre 1520 oder 1521 eine Lehre
auf, die auf dem Erkenntnisprinzip der verzückten inneren
Offenbarung beruhte; von ihm aus wurde das baldige Nahen
des Reiches Christi erwartet, und ein Leben in Gütergemein—
schaft und paradiesischer Unschuld sollte hierauf vorbereiten.
Den Mittelpunkt dieser Bewegung bildeten in der industrie—
und bergwerksreichen Gegend die zahlreichen, sozial schwer ge—
drückten Tuchknappen; ihr Prophet war neben dem betrogenen
Betrüger Nicolaus Storch vor allem Thomas Münzer, seit 1520
Prediger in Zwickau, ein phantastischer Mann voll krankhafter
Unruhe, ohne Selbstzucht, eitel und feig, aber von einer
gelegentlichen Willenskraft, die durch keinerlei Hemmungs—
erscheinungen des Gewissens gelähmt ward, und darum in
seinem Wesen wechselnd zwischen dumpfem Brüten und düsterem
Thatendrang.
In Zwickau wurde aber das Treiben der Schwarmgeister,
            
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