Full text : Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

314 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

sie lasen die heilige Schrift nicht mit vorsichtig philologischer
Interpretation, sondern hingerissen vom Wort, gläubig er—
schauernd in erregter Einbildungskraft. Aus solchem Thun
mußte ein Gefühlschristentum sehr verschiedenartiger Form und
ungleichen Wertes hervorgehen. Das umsomehr, als den
Suchenden auf süd- und mitteldeutschem Boden vielfach Einzel—
auffassungen alter, niemals völlig überwundener Sekten zu—
strömten: der Waldenser, der lombardischen Armen, der joachi⸗—
mitisch-franziskanischen Elemente, der Winkler, der Taboriten.
So entstanden überall, vielfach gemischt mit mittelalter—
lichen Resten, die Keime einer neuen, mannigfach abgestuften
Lehre. Gemeinsam war ihnen nur ein absoluter Biblizismus,
der die Interpretation der Schrift ganz in die Wortauffassung
der einzelnen Persönlichkeit verlegte, und dadurch vermittelt ein
weithin entwickelter absoluter Subjektivismus — denn wie
sollte die Autorität der Bibel bestehen bleiben können gegenüber
einer in sich willkürlichen Art der Auslegung? Dieser Subjek—
tivismus aber führte, soweit seine Jünger nicht in fanatisches
Fahrwasser gerieten, zu einer Toleranz, die weiter ging, als
die religiöse Duldung der Reformatoren.
War so die Grundlage dieser subjektivistischen Religions—
anschauung in sich schwankend und fast grenzenlos weit, so
lassen sich doch bei aller Verschiedenheit der Anschauungen im
einzelnen innerhalb der gesamten Bewegung zwei Strömungen
unterscheiden, deren Charakteristik anknüpfen kann an die Voll—⸗
kommenheitsideale der mittelalterlichen Mystik: denn wie alle
mittelalterlichen Sektierer und vornehmlich die Mystiker, so
fühlten sich auch die Anhänger dieses neuen Glaubens als be—
sonders Auserwählte, als höher stehende Christen: es ist ein
mittelalterliches, mehr äußerliches Moment ihrer Entwicklung
gegenüber dem Kernpunkt eines fast modernen Subjektivismus.
Nun hatte die mittelalterliche Mystik ein quietistisches und
ein enthusiastisches Vollkommenheitsideal entwickelti. Dem
quietistischen Ideal entsprach es, wenn jetzt in der neuen

S. Band IV Buch XII Kapitel 83 Nr. II.
            
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