Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 355
irre und heischten Selbsthilfe. Maßlos, ungeheuerlich erhob
sich aus frühen Anfängen von Verwirrung ein zuchtloser
religiöser Kommunismus, der nur in der Anarchie noch Ret—
tung erblickte. Immer näher ward der Umsturz alles Bestehenden
prophezeit: dann werden die Gläubigen zum Schwert greifen«
gleich den Richtern und Patriarchen der Bibel, und eine
äuferische Theokratie wird das tausendjährige Reich eröffnen.
So verkündete im Jahre 1529 ein wahnwitziger Kürschner
zu Augsburg; die Lehren Münzers lebten wieder auf; und der
verzweifelte Schrei nach Gewalt ertönte fort und fort von
dumpfen Lippen, je mehr die neue Kirche von einer unbarm⸗
herzigen Verfolgung am Ausbau ihrer Lehre und Verfassung
zgehindert ward.
Zugleich aber verbreitete sich der Ruf nach Auswanderung,
nach Rettung. Während Oberdeutschland gesäubert ward von
jeglichem schwärmerischen Element, während auch in Mittel—
deutschland die letzten Scheiterhaufen vereinzelter Täufer rauchten,
flüchteten die Reste der Heiligen nach Mähren, wo sie seit dem
Jahre 1588 eine blühende Kirche begründeten, und nach dem
Niederland. Und hier, in den Landen, wo Karl V., der
Herzog von Geldern und der Bischof von Utrecht gleich
grimmig gegen jeden neuen Glauben gewütet hatten, auf
dem Boden der ersten Blutzeugen der „Lutherie“, fand
nun der schwärmerische Radikalismus Oberdeutschlands von
neuem freie Bahn. Mit Inbrunst nahmen die unteren Stände
des kräftigen und weitverbreiteten Bürgertums seine Lehre
auf; Melchior Hoffmann, ein fanatischer Kürschner aus
Schwäbisch-Hall, konnte sie im Jahre 1580 von Friesland aus
in der verwegensten Formulierung verbreiten. Überall in den
Niederlanden las man seine leidenschaftliche „Ordonnanz
Gottes“; und als er selbst nach Straßburg ging ewiger Kerker⸗
haft entgegen, übernahm ein Haarlemer Bäcker, Jan Mathys,
die Leitung der Heiligen Hollands.
Und inzwischen waren geistige Dispositionen zur Ver—
breitung der neuen Lehre auch in Westfalen geschaffen worden.
Nur langsam hatte sich die Reformation Luthers unter den
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