Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

358 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel. 
Bedeutung für das Leben Englands und des amerikanischen 
Nordens. 
Die Reformation Luthers im 16. Jahrhundert zu be— 
siegen und zu ersetzen war das Täufertum freilich nicht geschaffen. 
Die eben erst in Entwicklung begriffene größere Freiheit des 
Einzelmenschen, das Herauswachsen der mittelalterlichen Persön— 
lichkeit aus der Gebundenheit früherer Jahrhunderte konnte 
nicht alsbald fessellos erfolgen. Es bedurfte gewisser, nament⸗ 
lich geistiger Stützen. Die vornehmste dieser Stützen war 
das Evangelium im lutherischen Verstand: das Luthertum war 
der Zeit notwendig. 
Dem Schwärmertum fehlte ein Prinzip religiöser Hem— 
mung, wie Luther es an der biblischen Autorität besaß. 
Karlstadt griff die Sakramente an, Hetzer die Trinität; Salz— 
mann lehrte, Christus sei ein falscher Prophet gewesen, und 
Nürnberger Schwärmer erklärten, der Herr sei ihnen nicht 
mehr, als der sagenhafte Herzog Ernst, der in den Berg ge— 
fahren. Diese Beispiele zeigen, wie sehr Luther für sein 
Jahrhundert recht hatte mit dem Gedanken eines autoritativ 
gegängelten Individualismus — und sie beweisen zugleich, daß 
— DDDD 
tion gewesen ist. Luther hat das wohl verstanden; er hat 
einmal bemerkt, er habe nur drei gefährliche Feinde gehabt, 
Münzer, Karlstadt und die oberdeutschen Täufer. Freilich nicht 
er allein hat sie besiegt: sie schlugen sich selbst durch unzeitige 
Vorwegnahme eines unreifen Subjektivismus.
	        
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