Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 57 
dieser Rentner wie die Möglichkeit ihrer Existenz durch Aus— 
gabe von Anteilen an Salinen und Bergwerken, an Reedereien 
und Handelsgeschäften, sowie durch die Entwicklung des öffent⸗ 
lichen Kredits. Im allgemeinen aber war Kapital als bloßer 
Rentenfonds noch selten, und seine einfache Ausnutzung im 
Zins ohne selbstthätige Arbeit galt noch dem 16. Jahrhundert 
zumeist als sittlich verwerflich. 
Dagegen erfreuten sich die Generationen des ausgehenden 
14. und des beginnenden 15. Jahrhunderts in den Städten 
vielfach steigender Ersparnisse; wirtschaftlich glückliche Familien 
vermochten damals auch in bescheidenen Verhältnissen leicht 
eine kleine Summe über das bloße Arbeitskapital hinaus zu 
sparen. Die Vermögensverhältnisse der Baseler Bürger, die 
in dieser Richtung hin genauer bekannt sind, beweisen das; 
und Macchiavelli, der Deutschland wenigstens teilweise aus 
eigener Anschauung kannte, erklärt die Thatsache mit der noch 
andauernden naturalwirtschaftlichen Bedürfnislosigkeit der Na— 
tion: die Deutschen machen weder Aufwand für Bauten, noch 
für Kleider, noch für Hausgerät; es genügt ihnen, Überfluß 
an Brot und Fleisch zu haben und sich im warmen Zimmer 
gegen Kälte zu schützen. 
In den Händen kleiner Leute führte nun der steigende 
Kapitalbesitz leicht zum halbmüßigen Kleinhandel: die Pfennig⸗ 
krämer waren eine Plage schon des ausgehenden 14. Jahr— 
hunderts. In Frankfurt finden sich um diese Zeit Beutler, 
Bäcker und Riemenschneider, die zugleich Krämer sind, und der 
Verfasser der sog. Reformation Kaiser Sigmunds klagt um 1488: 
ss ist.. ein args in stetten und auf dem land an vil 
enden . ., wer bas mag, der kauft und verkauft, welcher- 
lai im denk den pfenning zu bringen. Ein Jahrhundert 
später bildete dann die Übersetzung des wild und regellos 
emporwachsenden kleinen Zwischenhandels in den Augen der 
Zeitgenossen geradezu eine soziale Gefahr. Männer und Frauen 
verließen ihre Arbeit, strichen in Städten und Flecken umher, 
kauften alle Lebensmittel auf und machten damit Aufschläge, 
so daß schier Niemand mehr auf die Jahr- und Wochenmärkte
	        
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