Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 65 
Zünfte sozial von verhängnisreichen Folgen. Eine Reihe von 
Zunftbrüdern blieb jetzt arm zurück; sie vermochten nicht 
anders, als nur mit einem Fuße noch dem Handwerk weiter 
anzugehören und sich in irgend eine, von Wettbewerb freiere 
Spezialität desselben einzuarbeiten, im übrigen aber auf anderen 
Gebieten Nebenerwerb zu suchen. So gingen sie vielfach halb 
und halb in den Kleinhandel über: in der Ulmer Krämerzunft 
befinden sich schließlich Säckler, Taschenmacher, Weißgerber, 
Handschuhmacher, Sattler, Spengler, Nadler, Seiler, Bürsten— 
macher, Glaser, Würfelmacher, Pergamenter, Spindeldreher, 
Weinzieher, Tüncher, Pflasterer, Maler und Bildschnitzer. 
Andere Zunftgenossen dagegen gerieten unmittelbar in 
kapitalistische Abhängigkeit von ihren reicheren Brüdern, die sich 
nun ihrerseits von der persönlichen Ausübung des Handwerks 
zurückzogen und nur noch dem kaufmännischen Vertrieb der von 
anderen verfertigten Waren oblagen. So bildeten sich die 
Anfänge der städtischen Hausindustrie, und mit den ehemaligen 
Zunftbrüdern als Verlegern wetteiferten bald Kaufleute beliebiger 
Ausbildung und Herkunft. Es ist eine neue Betriebsform, die 
zuerst in den Hansestädten emporgekommen zu sein scheint: hier 
finden sich die Repschläger in Lübeck, Riga, Reval, die Böttcher 
in Rostock, die Gewandfärber und Wandbereiter in Hamburg 
und Lübeck derartig organisiert; aber auch in Süd- und West— 
deutschland lassen sich die Spuren des industriellen Verlegertums 
vielfach bis tief ins 165. Jahrhundert rückwärts verfolgen. 
Zumeist aber kam es noch nicht bis zur Sprengung der 
alten Zunftverfassung durch völlig neue Gebilde, sondern nur 
zu ihrer Ausweitung und Wesensveränderung durch eine neue 
Stellung des gewerblichen Unterpersonals. 
In der guten Zeit des 14. Jahrhunderts hatte jeder Meister 
nur wenige Lehrkinder und Lehrknechte zu halten das Recht 
besessen; sie hatten bei ihm im Hause gelebt, sie waren Teil 
seines Gesindes, seiner Familie gewesen. Jetzt, mit steigendem 
Reichtum des Meisters, änderte sich diese Lage. Die Lehrlinge 
nahmen zu, sie galten nicht mehr als Hauskinder, sie hatten 
Lamprecht, Deutsche Geschichte V. *
	        
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