Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 2)

702 Sechzehntes Buch. Viertes Kapitel. 
allzeit getreu; und sein weiches Wesen konnte sich, um es zu 
erreichen, bis zur Grausamkeit festigen. Im übrigen erhielt 
ihn vor allem ein Leben in halbnonnenhafter Bigotterie und in 
dauerndem Gebrauche der jesuitischen Exerzitien dem einmal 
in ihn gepflanzten Ideale. 
So hatte er schon in Steiermark, Kärnten und Krain 
die radikalste Gegenreformation durchgeführt, die deutsche Lande 
gesehen haben: was war zu erwarten, wenn seinem fanatischen 
Willen die Führung der Geschäfte des Hauses sterreich zufiel? 
Dem Kaiser war der steirische Vetter unheimlich. 
Aber er war unselbständig, und noch mehr: er war kinderlos 
und alt. Er mußte für die Nachfolge sorgen; und hier war 
Ferdinand der Berechtigte. So sah er zu, wie dieser in Ver— 
bindung mit dem Erzherzog Maximilian die etwa vorhandenen 
Ansprüche des Hauses Spanien beseitigte; freilich nicht ohne 
die Landgrafschaft Elsaß an Spanien daranzugeben, ein Gebiet, 
das bald für die spanische Politik als Stützpunkt zwischen 
Italien und den Niederlanden zu einem äußerst wertvollen 
Besitze ward. So litt er es auch, daß Ferdinand am 29. Juni 
1617 zum böhmischen König gekrönt ward, nicht ohne Ver— 
letzung des Wahlrechts der Stände. Und so war es selbst⸗ 
verständlich, daß Ferdinand nach Mathias' Tode (20. März 1619) 
Herr aller österreichischen Länder und, trotz des Widerstandes 
der Pfalz, auch römischer Kaiser ward. 
In den österreichischen Ländern aber begann die Ferdi— 
nandische Politik schon bei Lebzeiten des Kaisers Mathias zu 
wirken, und kein Land fühlte das mehr, als Böhmen. Hier 
war, seit König Georg Podiebrad die Befestigung eines starken 
Königtums an der eigenen Charakterlosigkeit hatte scheitern 
sehen!, der Adel übermächtig geworden; er hatte die Bauern 
ausgekauft, Latifundien begründet, die Verfassung im Sinne 
der späteren Entwicklung Polens aristokratisch umgestaltet. 
Dieser trotzige, auf Sonderrechte pochende Adel war nun vor 
allem und weit über das Bürgertum hinaus das Herz jener 
S. Band IV S. 440, 461.
	        
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