Object: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Kunst. 
Es ist schon früher davon die Rede gewesen, daß ein 
höchster Idealismus nicht an Zeiten gebunden ist, daß er nicht 
Perioden bildet, ja kaum Epochen. Aus den soeben gepflogenen 
Erwägungen geht das Gleiche hervor. Der Geist weht, wo 
er will. Daß Zeiten einer im Abschluß begriffenen Entwicklungs⸗ 
stufe höheren Wirklichkeitssinnes mehr dem Idealismus zuneigen 
werden, soll freilich damit nicht geleugnet werden: denn da gilt 
es auch für die Kleineren, die in Masse auftreten können, das 
neue Silber einer erhöhten Technik persönlich auszumünzen. 
Und gewiß bietet eine zu bestimmter Höhe der Vollendung ge— 
brachte Technik auch dem großen Zeitalter erst recht Gewähr voll⸗— 
endeter Schöpfungen. Und zweiselsohne werden sich in Zeiten 
starken technischen Fortschritts auch bedeutende Kräfte leichter 
mehr dessen Förderung zuwenden oder aber — da ja der 
Idealist erst das Gesellentum des Naturalismus zu überwinden 
—V0 
wohl bleibt bestehen, daß Naturalismus und Idealismus stets 
nur Erscheinungsformen derselben entwicklungsgeschichtlichen 
Stufe der Kunst sind: der Individualismus des 15. bis 
18. Jahrhunderts hat ebenso seinen Naturalismus wie seinen 
Idealismus gehabt, und das Gleiche gilt von dem subjekti— 
vistischen Zeitalter seit 1750 und in ihm wieder von der im— 
pressionistischen Periode der Gegenwart. 
Wie sehr diese Beobachtungen zutreffen, zeigt die That— 
sfache, daß in Deutschland ein starker Idealismus neuerdings 
schon in der Zeit des UÜbergangs zum reinen Impressionismus 
eingetreten ist, und daß eben dieser Idealismus des Übergangs 
den ersten Ruhmestitel der deutschen Malerei der zweiten Hälfte 
des 19. Jahrhunderts bildet. Denn hier tritt uns die glänzende 
Reihe der Namen Feuerbach, Böcklin, Thoma, Klinger entgegen: 
sie wird man an erster Stelle nennen, wenn man das spezifisch 
Deutsche in der europäischen Kunst des jüngsten Zeitalters be— 
zeichnen will. Gewiß haben auch die Engländer in der Über— 
gangszeit eine idealistische Kunst gehabt und ebenso die Fran— 
zosen: dort wäre auf die freilich sehr überschätzten Prärafaeliten 
mit ihrem gemeinen Schönheitsideal, dem sinnlichen Gesicht
	        
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