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Bildende Kunst.
Es ist schon früher davon die Rede gewesen, daß ein
höchster Idealismus nicht an Zeiten gebunden ist, daß er nicht
Perioden bildet, ja kaum Epochen. Aus den soeben gepflogenen
Erwägungen geht das Gleiche hervor. Der Geist weht, wo
er will. Daß Zeiten einer im Abschluß begriffenen Entwicklungs⸗
stufe höheren Wirklichkeitssinnes mehr dem Idealismus zuneigen
werden, soll freilich damit nicht geleugnet werden: denn da gilt
es auch für die Kleineren, die in Masse auftreten können, das
neue Silber einer erhöhten Technik persönlich auszumünzen.
Und gewiß bietet eine zu bestimmter Höhe der Vollendung ge—
brachte Technik auch dem großen Zeitalter erst recht Gewähr voll⸗—
endeter Schöpfungen. Und zweiselsohne werden sich in Zeiten
starken technischen Fortschritts auch bedeutende Kräfte leichter
mehr dessen Förderung zuwenden oder aber — da ja der
Idealist erst das Gesellentum des Naturalismus zu überwinden
—V0
wohl bleibt bestehen, daß Naturalismus und Idealismus stets
nur Erscheinungsformen derselben entwicklungsgeschichtlichen
Stufe der Kunst sind: der Individualismus des 15. bis
18. Jahrhunderts hat ebenso seinen Naturalismus wie seinen
Idealismus gehabt, und das Gleiche gilt von dem subjekti—
vistischen Zeitalter seit 1750 und in ihm wieder von der im—
pressionistischen Periode der Gegenwart.
Wie sehr diese Beobachtungen zutreffen, zeigt die That—
sfache, daß in Deutschland ein starker Idealismus neuerdings
schon in der Zeit des UÜbergangs zum reinen Impressionismus
eingetreten ist, und daß eben dieser Idealismus des Übergangs
den ersten Ruhmestitel der deutschen Malerei der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts bildet. Denn hier tritt uns die glänzende
Reihe der Namen Feuerbach, Böcklin, Thoma, Klinger entgegen:
sie wird man an erster Stelle nennen, wenn man das spezifisch
Deutsche in der europäischen Kunst des jüngsten Zeitalters be—
zeichnen will. Gewiß haben auch die Engländer in der Über—
gangszeit eine idealistische Kunst gehabt und ebenso die Fran—
zosen: dort wäre auf die freilich sehr überschätzten Prärafaeliten
mit ihrem gemeinen Schönheitsideal, dem sinnlichen Gesicht