Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 181 
possumus ein unabweisbares Bedürfnis der neuen Kirche aus. In 
der Tat hat Melanchthon, nachdem er schon früh die lutherische 
Dogmatik auf die Philosophie des Aristoteles gestützt hatte, 
später in einer Anzahl von Lehrbüchern eine Reihe von Grund— 
prinzipien auch der aristotelischen Kosmologie und Ethik über— 
nommen und zugleich die Erkenntnistheorie in Einklang mit 
dem neuen Glauben zu setzen gesucht, indem er behauptete, so— 
wohl die apriorischen Gesetze der Vernunft wie die allgemeinen 
Erfahrungstatsachen bedürften der Ergänzung durch den Glauben, 
die Offenbarung. Und so hinterließ er ein eng verquicktes 
System lutherischer Dogmatik und angepaßter aristotelischer 
Philosophie: es wurde Gemeingut der lutherischen Universitäten 
des 16. und 17. Jahrhunderts: lustig wucherten hier die un— 
fruchtbaren Distelfelder einer neuen, unleidlich trockenen Scho— 
lastik empor: der lutherische Glaube schien vor jedem Angriff 
der bloßen Vernunft geborgen. 
Aber auch die alte Kirche berief sich auf ein mit Aristoteles 
eng verquicktes Dogma! Im späteren Mittelalter hatte sie sich 
allerdings dem Stagiriten zeitweis und bis auf einen gewissen 
Grad entfremdet. Bis zu Thomas von Aquino waren das 
theologische und das aristotelisch beeinflußte philosophische 
Denken aufeinander zugestrebt, um sich schließlich bei Thomas 
selbst auf kirchlichem Boden zu voller Einheit zu durchdringen. 
Aber dann war eine Scheidung eingetreten. Wie auf dem 
Boden der Staatslehre im späteren Mittelalter die Vernunft 
selbständige Geltung beansprucht hatte, so suchte dieselbe Ver— 
nunft in dem Nominalismus des 14. und 15. Jahrhunderts 
freiere philosophische Entfaltung: Occam hat schon sensua— 
listischen Theorien gehuldigt, wie sie bei Locke wieder an— 
klingen. Es war eine Richtung der Entwicklung, welche die 
Kirche um so mehr bedrohte, als sie auf lange Zeit mit den Ver— 
suchen, eigenartige pandynamistische Systeme aufzustellen, und 
demgemäß mit einem fast heidnischen Kultus Platos und der 
Neuplatoniker zusammentraf. Da brachten denn erst Jesuitis— 
mus und Gegenreformation Hilfe. In den Erörterungen des 
Tridentiner Konzils und der darauffolgenden Literatur wurde
	        
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