Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Die darstellenden und die bildenden Künste. 221 
Nur ein Instrument machte alledem gegenüber wohl von 
jeher eine Ausnahme: die Orgel. In ihr war alsbald das 
mächtigste mehrstimmige Werkzeug gegeben, und das zweihändige 
Spiel auf ihr begünstigte von vornherein die Entwicklung des 
Kontrapunktes sowie die weitere Entfaltung des Mensural⸗ 
systems in seiner kontrapunktischen Gegenüberstellung von mehr 
als zwei Stimmen. So kam es wohl schon früh im 15. Jahr⸗ 
hundert zu mensurierter Orgelmusik; und aus dem Fundamen- 
tum organisandi des Meisters Konrad Paumann von Nürn— 
berg ergibt sich, daß man bereits um 1440 drei Stimmen auf 
der Orgel zugleich wiederzugeben wußte. Von da ab nimmt 
dann das kontrapunktische Figurenwerk auf der Orgel immer 
mehr zu; unter Kaiser Max J. lernen wir dessen Hoforganisten 
Paul Hofhaimer als Meister dieser Kunst kennen. Zugleich 
entwickelt sich aus dem Figurenwerk, insofern es eine Melodie 
umspielt, allmählich die erste spezielle Orgelkunstform, die 
Variation, als deren Meister Peter Sweelinck (1540 - 1621) 
zu Amsterdam gefeiert war. Sweelinck wurde zugleich zum viel 
aufgesuchten Lehrer fast aller großen deutschen Organisten der 
Folgezeit: von ihm zieht eine ununterbrochene Reihe des Fort⸗ 
schrittes hin bis zu den gewaltigen Organisten des 18. Jahr⸗ 
hunderts. 
Während aber in Deutschland so die Orgel entwickelt 
wurde und die Instrumentalmusik verkümmerte, entsprechend dem 
Vorwiegen geistlich-reformatorischer Interessen im 16. Jahr⸗ 
hundert vor den weltlich-humanistischen, war der Entwicklungs⸗ 
gang in Italien der umgekehrte. Zu einer Zeit, da man jenseits 
der Alpen erst kleine Anfänge kunstgemäßer Führung der Instru— 
mente kannte, wurde hier schon die Sonata, die Instrumental⸗ 
musik, neben der Kantata, der Vokalmusik, stärker ausgebaut. 
Die Anfänge einer entschiedeneren Bewegung auf welt—⸗ 
lichem Gebiete gehen hier auf Andrea und Giovanni Gabrieli, 
deren letzterer seit 1384 Organist von S. Marco in Venedig 
war, und auf Claudio Monteverdi (1568 1643) zurück. 
Diese Meister suchten zunächst den Gesang durch obligate In— 
strumentalbegleitung harmonisch zu vervollständigen und vermöge
	        
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