Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

246 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel. 
dieser Strömung bei. So kam es dazu, daß man schon die 
Einheit der Zeit und des Ortes beobachtete: eine Höhe der 
Technik weit üher dem Niveau des nationalen Dramas und 
des eingeborenen nationalen Verständnisses war erreicht. Es 
ist die Zeit, da der Schwabe Nikodemus Frischlin mit aus⸗ 
gesprochen komischem Talente schuf, da die Aufführungen der 
Straßburger Akademie berühmt waren: da gab man in den 
ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts Stücke des Äschylos, 
Sophokles, Euripides, Aristophanes, Plautus neben Dramen 
Naogeorgs und Frischlins; und in Kaspar Brülow erstand der 
Straͤßburger Bühne ein Dichter, dessen Dramen, vielleicht schon 
mer dem Einflusse der seit 1590 in Straßburg regelmäßig 
auftretenden englischen Schauspieler, ein Schimmer Shake⸗ 
spearischer Größe durchleuchtet. 
Bei einem solchen Entwicklungsgange durfte ein günstiger 
Einfluß des lateinischen Schauspiels auf das nationale erwartet 
werden, zumal sich neben dem lateinischen Schuldrama auch, 
vor allem in den von Luther persönlich beeinflußten Gegenden, 
ein deutsches Schuldrama entwickelt hatte. 
Da konnte nun zunächst das Mysterium in Betracht 
kommen. Ursprünglich keuscher, rein kirchlicher Natur, hatte 
es sich schon im 15. Jahrhundert zu großen Schaugeprängen 
erweitert, die tagelang dauerten und Hunderte von Personen 
in Bewegung setzten. Es ist klar, daß hier das Schuldrama 
nicht eingreifen konnte. Zwar erweiterten sich die Mysterien noch 
im Laufe des 16. Jahrhunderts; zu den Stoffen aus dem 
Alten Testamente traten mehr als bisher auch solche aus dem 
Neuen; daneben lieferten Roman und Geschichte einige Materien, 
und hier und da, besonders in der Schweiz, schlug auch die 
patriotische Ader durch. Aber als Gattung wurde das Mysterium 
durch all diesen Wandel weder gereinigt noch gesteigert. Ge⸗ 
wiß wurden die Bühnenverhältnisse besser, aber es wurde damit 
mehr dem Auge des Zuschauers als der Kunstform selbst ge— 
dient; und auch dieser Aufschwung erlahmte in der zweiten 
Hälfte des 16. Jahrhunderts. Damit begann denn das 
Mysterium zu verfallen: nur in den Alpenländern und teilweis
	        
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