Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

352 Achtzehntes Buch. Erstes Kapitel. 
fing die ungeschützte Dorfflur immer enger, bis er wohl gar 
die Dorfstätte erreichte und das einstige Dasein einer ganzen 
Ansiedlung im Rauschen seiner Wipfel in Vergessenheit wiegte. 
Es war ein Schicksal, das namentlich jene Dörfer erreichte, die 
erst spät in den Hängen des deutschen Mittelgebirges an wirt— 
schaftlich weniger günstigen Stellen gegründet worden waren: 
hier liegen noch heute in Deutschland die meisten Wüstungen. 
Aber auch zur Seite gut begangener Heeresstraßen blieben Dörfer 
wüst, namentlich in Mitteldeutschland, während am Rhein 
bessere wirtschaftliche Allgemeinlage und regerer Wirtschaftssinn der 
Bevölkerung zu rascherem Ersatz des einst Gewesenen führten. 
Im ganzen aber läßt sich den geschilderten Extremen ent— 
nehmen, wie außerordentlich die Bevölkerung des platten Landes, 
Grundherren wie Bauern, litt. Waren nach dem Kriege manche 
adlige Geschlechter gestorben und verdorben, wenn sie auch im 
allgemeinen in der nackten Existenz durch Burgen und Schlösser 
besser geschützt waren als die Bauern, so war die bäuerliche 
Bevölkerung massenhaft ihrem Berufe und ihrer Heimat ent— 
zogen worden, war verschollen oder trieb sich vagabundierend 
umd arbeitsscheu im Lande herum. Und so erschien es als 
erste Notwendigkeit, überhaupt erst wieder eine zahlreichere und 
ruhige Bevölkerung des platten Landes zu erlangen. 
Wie sie aber entwickeln? Fast niemand besaß Kapital genug, 
am wenigsten diejenigen, welche hätten Bauern werden können; 
und wer seine geringen Mittel überhaupt an ein Unternehmen 
wagte, fand, daß gerade die Aussichten des Landwirts nicht eben 
gut seien. Zunächst fielen bei dem gesunkenen Verbrauche der 
Städte die Preise ländlicher Erzeugnisse nach dem Kriege beträcht⸗ 
lich, in manchen Gegenden für Roggen und Weizen auf die Hälfte 
der Höhe vor dem Kriege. Dagegen stieg der Arbeitslohn aufs 
unerhörteste, denn viele wollten nicht arbeiten, und selbst wenn 
jedermann den Trieb zur Tätigkeit gehabt hätte, wäre die Zahl 
der zur Verfügung stehenden Hände zu gering, die Nachfrage 
dem Angebot gewaltig überlegen gewesen. Konnten unter 
diesen Umständen überhaupt freie Arbeiter fürs Land gewonnen 
werden? Keineswegs: was im freien Lohne zu arbeiten ver⸗
	        
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