36 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Descartes verharrte. Wie konnte es auch anders sein? Ein
Zeitalter, das unter den seelischen Eigenschaften das intellektuelle
Element je länger, um so ausschließlicher betonte, bedurfte zu
seiner Metaphysik erkenntnistheoretischer Anschauungen, in denen
dem deduktiven Element noch ein möglichst weiter Spielraum
erhalten blieb. Das deduktive Element aber war bei Locke im
Bereiche der einfachen Vorstellungen zu suchen.
Nicht die Philosophie hat mithin im 16. bis 18. Jahr⸗
hundert dem induktiven Denken nund damit der rationellen
Empirie zu größerem Durchbruch verholfen, sondern im Grunde
doch vor allem die Naturwissenschaft. Gewiß konnte sich auch
die Philosophie dem induktiven Denken so wenig entziehen,
wie sogar die Mathematik: sie nahm die erkenntnistheoretischen
Untersuchungen auf. Allein indem sie sie für die Aufgabe
einer elementaren Zerlegung der Verstandestätigkeit durch—
zuführen suchte, kehrte sie selbst bei dem fortgeschrittensten
Denker des 17. Jahrhunderts auf diesem Gebiete, bei Locke,
auf einer höheren Stufe der Darlegung alsbald und möglichst
pollkommen wieder zu der alten, rein deduktiven Methode etwa
des Descartes zurück. Es geschah ihr wie der Mathematik:
während auf den mehr hilfswissenschaftlichen Gebieten dieser
beiden höchsten Integrationen der Wissenschaften, in der
Analysis wie in der psychologischen Fundamentierung der Er—
kenntnistheorie, Zugeständnisse an die Induktion gemacht wurden,
berharrte man für den Oberbau noch in der Annahme absoluter
Grundlagen und demgemäß in der Methode reiner Deduktion.
Es war eine geistige Haltung, die gegenüber dem 16. Jahr⸗—
hundert gewiß einen Fortschritt bedeutete, anderseits aber dem
Verfahren der Naturwissenschaften gegenüber noch konservativ
genug war, um noch ein letztes großes rein deduktives System
der Metaphysik mit dem allgemein zugegebenen Anspruch auf
objektive Gültigkeit zuzulassen. Dieses System war ein deutsches,
und sein Autor war Leibniz.