Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Kunst. 
Die Formenkunst des neuen Idealismus hat zunächst zum 
modernen Ornament und zum Plakatstil geführt. In einfachster 
Weise. Ein Licht-Farbeneindruck, auf seine reinste Natur reduziert 
und somit typisiert, ergiebt nichts als einen hellen, mit äußerst 
unsicherer Grenze versehenen Farbenfleck. Will man ihn be— 
grenzen, so muß die Grenze in ihren ungefährsten Formen um— 
schrieben, d. h. sie muß ornamentiert werden. So entsteht bei 
einer typisierenden Kombination mehrerer oder vieler Licht— 
Farbeneindrücke ein scharf ornamentiertes Gebilde, das inner— 
halb der einzelnen, durch ornamentale Umrisse getrennten Teile 
von Farbentönen in den belichteten Lokalfarben erfüllt ist. Nun 
sind aber dem psychologischen Impressionismus alle Gegenstände 
nur Kombinationen von Farbeneindrücken: sie alle kann daher ein 
auf diesem Impressionismus aufgebauter Formidealismus orna— 
mentieren. Und er thut dies auch. Wendet er das Verfahren auf 
zanze Scenen oder menschliche und tierische Gestalten an, so 
entsteht der moderne Plakatstil; unterwirft er ihm dagegen bloß 
pflanzliche Gegenstände, so erhält man das moderne Ornament. 
Denn dies Ornament ist grundsätzlich pflanzlicher Natur. 
Man darf sich hinsichtlich des Ornaments nicht dadurch 
beirren lassen, daß es in seinen spezifischen Formen anfangs 
aus England zu uns gelangt ist. Dort haben die Prärafaeliten 
weit früher als wir in Deutschland einen psychologischen Im— 
pressionismus — und eben aus ihm bereits auch ganz folge— 
richtig das moderne englische Ornament entwickelt. Dies eng⸗ 
lische Ornament hat aber in Deutschland erst Eingang ge— 
funden, als die Zeit erfüllt war: als auch die deutsche Kunst 
zum psychologischen Impressionismus fortschritt; dann freilich, 
weil aus der eigenen Entwicklung her erwünscht, mit reißender 
Schnelligkeit. Und hierauf hat sich in diesem Ornament 
zenau so wie in England auch in Deutschland eine Weiter— 
entwicklung nochmals zurück in vereinfachtere Formen vollzogen. 
Von den ornamentierten Pflanzen, Lilien, Hyazinthen, Alpen— 
veilchen, Disteln u. a. m. haben sich die Blätter losgelöst und 
sind zum selbständigen Ornament geworden. Dabei ist ihre 
begetative Form immer mehr vereinfacht worden und schließlich
	        
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