Viertes Kapitel.
Aufklärung und Pietismus.
Übersehen wir an dieser Stelle nunmehr in geschwinder
Vergegenwärtigung den vollen Verlauf der Entwicklung des
Intellektualismus vom Beginn des individualistischen Zeitalters
hin bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts, so läßt sich
etwa folgendes sagen.
Das Jahrhundert nach der Reformation hatte in Deutsch-
land zum ersten Male das Erwachen eines selbständigen Lebens
auf dem Gebiete der Geisteswissenschaften gesehen: neben die
Denktätigkeit innerhalb der Schranken und im Schatten der
Kirche und des Humanismus hatte sich ein freies Aufmerken
und Urteilen über die seelischen Vorgänge, ein „natürliches“
wissenschaftliches Streben zu stellen begonnen; und sein Er—
gebnis war eine erste Vorstellung von einer natürlichen Reli—
gion, einem natürlichen Recht, einer natürlichen, nicht mehr
von Religion und Christentum durchaus abhängigen Sittlich—
keit gewesen. Es war eine Entfaltung freigewordenen indi⸗
vidualistischen Geistes, die sich namentlich an die Kreise der
reformierten Kirche in Frankreich, England, und auf deutschem
Gebiete vor allem in den nördlichen Niederlanden knüpfte.
Dieser Bewegung folgte, während sie für Deutschlaud zum
großen Teile in den Fluten des Dreißigjährigen Krieges unter⸗
tauchte, eben um diese Zeit, von Italien und den Niederlanden
ausgehend, im inneren Deutschland aber fast nur durch einen