148 Neunzehntes Buch. vViertes Kapitel.
in ausgesprochenen Gegensatz zum Kirchentum, zum Dogma zu
treten? Und mußte sie nicht bestrebt sein, dies Dogma, diese
Kirche selbst, ihre Nebenbuhlerin, einzunehmen und zu be—
herrschen? Es bezeichnet den Umschwung der Zeiten vom
16. Jahrhundert bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, daß die
Theologie, im Mittelalter die Mutter und Pflegerin des
vissenschaftlichen Denkens, im 16. Jahrhundert noch die weit
überlegene Gegnerin des jetzt ihrer Aufsicht entwachsenden, der
Vernunft allein zustrebenden Kindes, nun selbst eine ratio—
nalistische Periode erlebte, ja daß die neue Weltanschauung teil⸗
weise selbst über die freieste rationalistische Auslegung der
Offenbarung hinausging.
Die ersten leisen Anfänge einer rationalistischen Theologie im
Unterschiede von der Orthodoxie sind sehr alt. Möglich wurde
eine kritisch-rationale Theologie von dem Augenblicke an, da für
den Glauben der Rechtsgrund der Dogmen nicht mehr maßgebend
erscheinen konnte und das Verhältnis des Menschen zu Gott in
die religiös-sittliche Innerlichkeit des einzelnen gelegt zu werden
begann: d. h. seit der Reformation. Dementsprechend läßt sich
schon in Erasmus' Buche „De libero arbitrio* (1524)3 eine
Grundlage rationalistischen Denkens wahrnehmen: es finden
sich „souveräne Reflexe des Verstandes über den Glaubens—
inhalt“, der zu diesem Zwecke in einzelne, der forschenden Ab⸗
sicht bequeme Kapitel, Gott, Christus, Mensch, freier Wille u. s. w.,
zerlegt und somit seines lebensvollen Glaubenszusammenhanges
beraubt wird. Dazu kommen weiterhin im frühen 16. Jahr⸗
hundert schon einige mehr exoterische Seiten des Rationalismus:
der Beginn der historischen Kritik des neutestamentlichen Kanons,
wie sie außer Erasmus namentlich Agrippa von Nettesheim
pflegte, und daraus abgeleitet die Anzweiflung der Zuverlässig—
keit des dogmatischen Extraktes aus diesem Kanon. Allein
deshalb ist doch im Zeitalter der Reformation noch keineswegs
schon eine eingehende rationalistische Theologie entwickelt
vorden. Vielmehr war der Verlauf der Dinge ein anderer.
Val. Bd. VI.2 S. 308 f., Vs S. 820.