Aufklärung und Pietismus.
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Da auch die neue Kirche der Dogmen bedurfte, so begann die
protestantische Theologie sich weniger kritisch auszubilden, als
vielmehr einen rein positiven, stützenden Ausbau gewisser
Dogmen zu versuchen, zu denen man keineswegs bloß auf
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Diese Dogmen wurden nun für beide neuen Konfessionen
abgeschlossen in der Konkordienformel (1577) und in den
Satzungen der Dordrechter Synode (1618/19). Damit war
denn neben den zarten Anfängen des Rationalismus zugleich
die spekulative Theologie in den mystischen Formen der Täufer,
der Denck, Franck und ihrer Nachfolger, wie endlich auch
die im späteren 16. Jahrhundert auf romanischem Boden er—
wachsene erzessiv rationalistische Theologie der Sozzinis und
ihrer theologischen Genossen in gleicher Weise aus der Kirche
verdrängt. Gesiegt hatten Flacius und Chemnitz, Gomarus
und seine Genossen!.
Dies war nicht lange nach der Zeit, da die katholische
Kirche im Tridentinum (1445—683) den Abschluß auch ihrer
dogmatischen Bewegung erreicht hatte.
Abber der Unterschied im Charakter des Errungenen war
doch für die katholische Kirche und die protestantischen Kon⸗
fessionen beträchtlich. In der katholischen Kirche war der
Sieg der Orthodoxie vollständig. Denn hier wurde die von
der Kirche einmal gegebene Auslegung unter den Begriff
der Tradition, d. h. der in der Kirche fortwirkenden göttlichen
Dffenbarung, gestellt, der gegenüber es wie bisher nur Unter⸗
werfung geben konnte; hatte es doch schon Augustin aus—
gesprochen: „Ego vero evangelio non crederem, nisi me
datholicae ecclesiae commoveret auctoritas.“ In den evan⸗
gelischen Kirchen dagegen blieb trotz allem die Notwendigkeit
der biblischen Kritik und Auslegungskunst bestehen. Und je
mehr sich nun die orthodoxen Systeme zu festen Gebilden ver—
härteten, um so mehr wurde grade diese wissenschaftliche Seite
des theologischen Betriebes immer intensiver entwickelt; und
Dilthey, Archiv VI, 60.