Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Aufklärung und Pietismus. 159 
pflichtung, Lessing an Spinoza an. In den ersten sechziger 
Jahren des 18. Jahrhunderts lernte er ihn kennen: und von 
nun ab sehen wir ihn in freiem Ringen nach den Brenn⸗ 
vunkten einer pantheistischen Weltanschauung. Er ist nicht 
mehr im Zweifel, daß Gott als bewußte, außer und über der 
Welt stehende selbständige Persönlichkeit nicht gedacht werden 
könne. Er verneint die Freiheit des Willens. „ßZwang und Not— 
wendigkeit, nach welcher die Vorstellung der Besten wirkt, wie 
diel willkommener sind sie mir als die kahle Vermögenheit, 
unter den nämlichen Umständen bald so, bald anders handeln zu 
können! Ich danke dem Schöpfer, daß ich muß, das Beste 
muß. Wenn ich selbst in diesen Schranken so viele Fehltritte 
noch tue, was würde geschehen, wenn ich mir ganz allein über— 
lassen wäre? Einer blinden Kraft überlassen wäre, die sich 
nach keinem Gesetze richtet und mich darum nicht minder dem 
Zufall unterwirft, weil dieser Zufall sein Spiel nicht mit mir 
selbst hat?“ 
Und wie er die Kernpunkte einer neuen Weltanschauung 
ergreift, einer monistischen Weltanschauung des Subjektivismus 
im Gegensatz zu dem christlichen Dualismus auch noch jeder 
Aufklärung, so fühlt er sich, echt subjektivistisch, in dem ein— 
fachen Glauben an diese Hauptpunkte sicher: er denkt nicht 
daran, aus ihnen ein ausgeklügeltes System zu entwickeln. 
Vielmehr, soweit sein Denken weiter schweift, wird er, dieser 
Sohn doch noch des vollen Aufklärungszeitalters, bereits historisch. 
Die Probleme der Weltanschauung lösen sich ihm auf in die 
tiefsten Fragen einer ins Unendliche zurückreichenden, ins Unend— 
liche vorwärtstastenden Entwicklung. 
Die Gedanken steigen langsam in ihm auf, die er 1780, 
ein Jahr vor seinem Tode, in der kleinen Schrift über die 
Erziehung des Menschengeschlechtes niedergelegt hat. Die Ge— 
schichte erscheint ihm nun in all ihren Tiefen als ein Ent— 
wicklungsvorgang des sittlichen Bewußtseins: unmittelbar an 
die Probleme des späteren 19. Jahrhunderts reicht sein pro— 
vhetischer Blick.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.