166 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Niederlande beseitigte, indem er die literarisch-philosophische
Vorherrschaft des protestantischen Norddeutschlands herbeiführte,
und insofern einer der definitiven Trennungsvorgänge der nieder⸗
ländischen Nation von der deutschen.
Die pietistische Strömung aber, wo sie auch auftauchte,
ist ihren allgemeinen Veranlassungen entsprechend nirgends die
Schöpfung eines einzelnen Mannes und einer besonderen Stunde
gewesen. Besonders auch nicht innerhalb des Luthertums.
Vielmehr hat eine große Anzahl von Erscheinungen schon vor⸗
bereitend auf den Pietismus hingewiesen, und als eine als—
bald sehr weit und mannigfaltig verbreitete Strömung ist er
darauf ans Tageslicht getreten.
Schon die mystischen Theologen und die philosophischen
Mystiker des 16. Jahrhunderts finden wenigstens in den Vor—
hallen des Pietismus einen Platz, insofern sie für ihre Zeit
orthodoxen und rationalistischen Neigungen gegenüber denjenigen
Bedürfnissen gerecht wurden, welche später der Pietismus befrie—
digte. Weiter hinein aber in die Entstehung der Gemütsdisposition
des Pietismus führen schon die Wandlungen, die sich im evan⸗
gelischen Kirchenliede mit dem einsetzenden 17. Jahrhundert ziem⸗
lich allgemein vollzogen!. Um diese Zeit etwa verschwand aus
ihm das objektive und sittlich feste Frömmigkeitsgefühl der noch
lebendig tätigen, betenden, zagenden, jubilierenden Gemeinde,
und an die Stelle trat der persönliche Ton des einzelnen, der
sein Herz Gott im stillen öffnet und individuelle Gefühle ver⸗
lauten läßt. So haben schon die Lieder Paul Gerhardts viel
von diesem neuen Charakter, wenn er auch, vornehmlich freilich
in Nachahmungen und Übersetzungen älterer Gemeindekirchen—
lieder, noch den objektiven Zug zu treffen weiß. Und neben der
subjektiveren Dichtung regt sich eine noch subjektivere Musik, die
— D
licher Gott in seine frommen Stimmungen Einzug hält?. Wie
dacken in dieser Hinsicht nicht die neuen Vassionsmusiken der
1 S. Bd. VI, S. 234 f.
2 S. Bd. VI. S. 227 4.