Aufklärung und Pietismus.
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ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, zum Beispiel Schützens
„Sieben Worte am Kreuze“!
Und schon suchte die in diesen Seitenhallen gleichsam der
—— auftauchende Stim⸗
mung einer mehr persönlichen Frömmigkeit auch für ihre zen⸗
tralen Herzensbedürfnisse unmittelbare Befriedigung, indem sie
zunächst den breiten literarischen Strom mittelalterlich-kontem⸗
plativer Frömmigkeit von neuem in die Gegenwart lenkte.
Seit Anfang des 17. Jahrhunderts wurde Tauler wieder ge⸗
lesen; und die Theologia Deutsch, auch die Schriften des hei—
ligen Bernhard und aunderer Mystiker wurden in Mittel- und
Norddeutschland weithin verbreitet. Ihnen folgte dann der
Erguß einer selbständigen Erbauungsliteratur noch vor dem
großen Kriege. Weitaus der bedeutendste unter den neuen
Erbauungstheologen war dabei Johann Arndt aus Ballenstedt am
Harze (1655—2 1621); sein „Wahres Christentum“ ist in den
Jahren 1606— 1609 erschienen. Arndt hat seine Ziele einmal
selbst in folgender Weise dargelegt: „Erstlich habe ich die Ge⸗
müter der Studenten und Prediger wollen zurückziehen von der
gar zu disputier- und streitsüchtigen Theologie, daraus fast
wieder eine theologia scholastica geworden ist; zum andern
habe ich mir vorgenommen, die Christgläubigen von dem toten
Glauben ab und zu dem fruchtbringenden anzuführen; drittens
— Theorie zur wirklichen
UÜbung des Glaubens und der Gottseligkeit zu bringen; und
viertens zu zeigen, was das rechte christliche Leben sei, welches
mit dem wahren Glauben übereinstimmt, und was das bedeutet,
wenn der Apostel sagt: ich lebe, doch nun nicht ich, sondern
Christus lebet in mir.“
Absichten wie diese konnten, falls die kirchlichen Verhält⸗
nisse für fie nicht ungünstig waren, vor allem während des
Dreißigjährigen Krieges und wenig nachher auf empfängliche
Gemüter rechnen. Denn jetzt bestand jene dumpfe Verzweif⸗
lung an den Aufgaben des nationalen Kulturlebens, aus der
man wohl allen Ursprung des asketischen Supranaturalismus
überhaupt hat ableiten wollen. Und in der Tat erhielt das