Aufklärung und Pietismus.
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allerlei schwärmerische Absonderlichkeiten, von Abnahme des
kirchlichen Bewußtseins, von Separatismus und Mystizismus. Es
war eine Richtung, die wohl hier und da aufgestaut und bei
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keit nochmals zu besonderen, an sich bedeutenden Wirkungen
zusammengefaßt werden konnte. Im ganzen aber kam es, eben wegen
der formalen Bindung des Heilswegs und der Heilsmittel und in—
folge des hierdurch bedingten raschen Verfalls, zu keiner glücklichen
Durchdringung altpietistischer Frömmigkeit und neuentwickelten
Gefühlslebens: die wenigen Versuche in dieser Richtung sind
unerquicklich und überspannt. So die Gemeinde der „Geschwister
Christi“ des exzentrischen Lavater, der übrigens, wenngleich als
klarste und sympathischste Gestalt, auch die Klettenberg angehörte.
Wie aber stellte sich Lavater unter all den an eingebildeten
Seelenleiden kranken Frauen des Kreises zu dem Fräulein! „Ich
muß noch schreiben,“ heißt es in einem seiner Briefe von ihr,
„an Goethe und eine himmlische Seele, Goethes Freundin, die
sich Cordata unterschreibt und der Sabbat meiner Reise ist. —
D Bruder! welche Seelen gibt's! Wie bin ich Schwätzer,
Heuchler, Greuel gegen Cordata!“ Welch widerliche Mischung
süßlicher Empfindelei und weinerlicher Frömmigkeit? Oder will
man schließlich in dem Treiben am Hofe Friedrich Wilhelms II.
noch ein Wiederaufleben des alten Pietismus sehen? Der König
war alles andere als fromm, sondern nur eine dem Mystischen,
Geheimnisvollen, Abenteuerlichen zugeneigte Natur, dem Aben⸗
teuerlichen auch in der Form des Pietismus.
Diejenige Frömmigkeitsbewegung des ausgehenden Indivi—
dualismus, die weit eher, wenn auch in engeren Kreisen, zum
Subjektivismus herüber vermittelt hat — Novalis wie Schleier⸗
—
die darum entwicklungsgeschichtlich besonders lehrreich ist, war
das Herrnhutertum.