Aufklärung und Pietismus. 179
liche Lektion oder bei dem Bereiter eine schwere Schule lernen
sollte, so nahm ich den Heiland zu Hilfe.“ Dieser Verkehr er—
wies sich dabei als von übernatürlicher Gewalt; er zog wie ein
Magnet an, wurde wohl auch durch ein plötzliches religiöses
Erlebnis gewonnen oder wenigstens in seiner Wirksamkeit er—
höht: „Wenn man, als ein Sünder, dem Heilande das erste
Mal zu Füßen fällt, da fühlt man nichts als Liebe, Gnade,
Heiligkeit und Erlösung. Das ist ein solcher geheimnisvoller
Moment der Freiheit, da man mit Liebestränen zu tun hat,
die uns keine Freude wehren.“ „Die Liebe Gottes kann einem
Herzen, welches darauf Achtung gibt, in einem Augenblicke
mehr wirken, als alle Sittenlehre nimmermehr ausrichten kann.“
Also zu einem „Durchbruch“ konnte es auch hier, im Bereiche
der Herrnhuter Frömmigkeit kommen. Aber es ist nur ein
Durchbruch des Bewußtseins „der Gotteskindschaft von Jugend
auf“. Und diesen Durchbruch hat Zinzendorf in der Tat an
'iich selbst erlebt: am 19. Juni 1729. Und gewiß gibt es nun
auch eine Disziplin auf ihn hin, so wie auch Mittel zur Er—
haltung der damit erreichten Höhe frommen Bewußtseins zur
Verfügung stehen. „Die Heiligung muß so hoch getrieben
werden, sobald man Gnade und Kraft hat, daß eine Seele
nicht mehr weiß, was haben, sein, fühlen, faulenzen wollen
für ein Ding ist.“ Und da werden denn allerdings noch
Sakramentswirkungen stark mit zu Hilfe gezogen: da „muß man
in das innigste Sehnen nach dem ewigen Gut, in ... ein zitterndes
Verlangen nach dem Geschmacke des Brotes Gottes und nach der
Vereinigung mit dem Mann der Seelen und in ein Geschäftig—
sein ohne Nachlaß und ohne Müdewerden hineingeraten.“
Denn den Heiland zu genießen und sein Blut, das ist der
Punkt, darauf es ankommt. „Des Menschen Jesu Christi, wie
er am Holze so milde sich zu Tode geblutet hat, teilhaft und
seines blutigen Verdienstes halber selig werden, das ist der Ge—
meine Geheimnis.“ Ist aber das Sakrament, zunächst das des
Abendmahls, in diesem Sinne verstanden wirklich noch das alte
kirchliche Sakrament zur Vergebung der Sünden? Wer wollte
es auch nur einen Augenblick annehmen! Nur die sinnlichste
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