Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Aufklärung und Pietismus. 177 
Füßen falle. Dies zu tun galt den Brüdern freilich als selbst— 
oerständlich, und insofern empfanden sie ihre Gemeine doch als 
die wahre Kirche. 
Aber die Kirchen- oder die Gemeinebildung ist für Zinzen— 
dorf und seine Anhänger überhaupt ein Moment zweiter 
Ordnung; und mit Recht hat man sagen können — und darin 
stimmen so verschiedene Beurteiler wie Ritschl und Joseph 
Theodor Müller überein —, daß sogar für Zinzendorf selber 
die Gründung der Brüdergemeine mehr Zufall, nämlich Aus— 
luß seiner stark altruistischen Anlage, als Konsequenz innersten 
religiösen Bedürfnisses gewesen sei. Dieses innerste Bedürfnis 
führte vielmehr auf eine rein persönliche, schon stark sub— 
jektivistische und als halb subjektivistische Anfangsform 
enthusiastische Frömmigkeit. 
Wie sehr sie der Kern des Neuen war, zeigt schon der 
rein persönlich-sinnliche Zug der Verehrung, wie er z. B. bei 
Novalis wiederkehrt, vor allem der Person Christi. Gewiß 
hatte diese Saite schon im Pietismus angeklungen. Aber voll 
ertönte sie erst bei den Herrnhutern. Und nicht immer in reinem 
oder wenigstens geschmackvollem Lobe Gottes. Wie schön war 
doch von der alten Kirche das Bild des Hohen Liedes von der 
Taube, die sich im schützenden Felsenrisse birgt, auf die Seele ge— 
deutet worden, die sich vor Satans Krallen in die Wundenmale 
des Herrn flüchtet. Wenn aber dies Bild in der Gemeine und 
vor allem bei Zinzendorf zu einem förmlichen Kultus der Seiten— 
wunde Anlaß gab, wenn da von „Wundenwürmelein“ und „Kreuz⸗ 
ustvögelein“ die Rede war, so gibt es im Himmel und auf Erden 
keinen Geschmack, der so ekelhafte Exzesse nicht verdammen müßte. 
Viel erfreulicher und klarer äußerte sich der durch— 
schimmernde Subjektivismus auf dem Gebiete der Lehre. 
Hier war er, soweit er erkenntnistheoretisch begründet war, 
wesentlich ein Produkt des Einflusses weit entwickelter auf— 
lärerischer Lehren, namentlich des Deismus Leibnizens. Äußer— 
lich allerdings hielt Zinzendorf am Augsburgischen Bekenntnisse 
est. Allein innerlich stand seine Religion nur auf dem Be— 
kenntnisse von Jesus. „Ein Katechismus für die ganze Welt, 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1. 12
	        
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