Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

220 ZƷwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
Behandlung des Stucks beschränkte, wurde Licht und Luft 
äiußerlich frei für eine selbständige Plastik. Allein die innere 
Bindung an den Charakter der Architektur oder richtiger gesagt 
der Dekoration blieb, weil die selbständige plastische Phantasie 
inzwischen in der architektonischen Tradition untergegangen, 
nicht zum geringsten wohl auch unter dem Drucke eines steigen⸗ 
den Intellektualismus verdorrt war. Die außerordentlich rege 
Tätigkeit verlief daher vornehmlich im Kunstgewerbe — hier 
gelangte in der Porzellanplastik ein ganz neuer Zweig zur 
Blüte —, und wo sie darüber hinausstrebte, behielt sie doch 
kunstgewerblichen Charakter, war sie, ohne sich von den über— 
triebenen Bewegungsmotiven des Barocks völlig loszureißen, 
geleckt, geziert, geistig leer, nicht selten sinnlich und lüstern. 
So konnte ein Heilungsprozeß erst von einem vollen Um— 
schwunge des Geschmackes erwartet werden. 
3. Das war die Lage auch auf dem Gebiete der Malerei. 
Es ist früher erzählt worden, wie sehr die niederländische Malerei 
des 17. Jahrhunderts die binnendeutsche Entwicklung überholt, 
ja überwuchert hatte: wer kann die Namen deutscher Maler 
dieser Zeit neben Rubens und Rembrandt nennen? Und neben 
dem niederländischen lastete auf den binnendeutschen Gebieten 
auch noch der italienische Einfluß, wenngleich er für gewisse 
Zweige der Malerei ganz allgemein, für alle wenigstens in den 
protestantischen Gegenden zurückzutreten begann. So war von 
einer selbständigen Entwicklung in dem weitaus größten Teile 
des deutschen Landes damals nicht die Rede; tüchtige Künstler 
wanderten wohl gradezu aus; wie Elsheimer noch vor den 
großen Errungenschaften der Niederländer eine Heimat in Rom 
gefunden hatte, um in der braunen Massigkeit des Baum— 
wuchses, im architektonischen Aufbau der Linien des Albaner— 
gebirgs, in der feierlichen Schönheit der antiken Ruinen eine 
neue Konzeption der italienischen Landschaft zu entwickeln, so 
gingen später Lingelbach und Netscher, Flink und Knüpfer nach 
den Niederlanden, um dort in halbdeutschem Sinne fortzuschaffen,
	        
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