Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 223 
brauch von bunten Farben gemacht“, anderseits „die Manier 
niederländischer Maler nachgeahmt“ habe!. 
Es ist selbstverständlich, daß bei einer solchen Ubung der 
Kunst jeder ursprünglich vorhandene schöpferische Funke er— 
löschen mußte. Und das ist in der Tat das allgemein Be— 
zeichnende für den Ausgang der Kunst des Rokokos, des Barocks 
und der Renaissance überhaupt. Sie verlor sich schließlich im 
Sande; sie ging an dem Glauben ihrer Jünger zugrunde, daß 
sie gelehrt werden könne, Teil des Wissens sei und der Vernunft. 
Der Irrtum ist alt; seine Anfänge liegen schon im 16. Jahr⸗ 
hundert. Während damals noch die Malerei gefestet dastand 
auf der unbestrittenen Überzeugung der Meister, daß sie die 
schöpferische, idealistische Wiedergabe der Natur sei, war für die— 
jenigen Teile der Kunst, die aus der Antike Nahrung sogen, 
also die eigentliche Renaissance, die Auffassung doch schon eine 
indere. Hier bedurfte es ja in der Tat des Lernens; über 
ihm kam die Urkraft des Schaffens bald zu kurz; und man 
ward sich dessen bald unbewußt inne, indem man diese Schöpfer— 
kraft, überhaupt die Einheit von Kunstwerk und Künstler zu 
unterschätzen begann. So beginnt schon im 16. Jahrhundert 
die Literatur der Ornamentstiche und sonstiger Vorlagen für 
architektonische und dekorative Zwecke: von den deutschen so— 
genannten Kleinmeistern reicht sie über Vredemann de Vries 
und Dietherlin zu den französischen Ornamentisten unter 
Ludwig XIV., einem Lepautre (16171682) und andern, um 
in der Rokokozeit mit Oppenort in Frankreich, Franz Xaverius 
Habermann, Nilson und anderen Augsburgern in Deutschland 
einen dritten Höhepunkt zu erreichen. Es ist klar, daß sie eine 
Bevormundung der Phantasie des ausführenden Künstlers be— 
deutet und damit zugleich eine Verschlechterung der Entstehungs⸗ 
bedingungen des Kunstwerks: wie sollte dieses, selbst abgesehen 
von der Verschiedenheit der Phantasie der Feder von der des 
Meißels oder Hammers, einheitlich sein bei fremder Em— 
pfängnis? 
1 Goethe, Zur Farbenlehre (Weimarer Ausgabe II, 8, 376).
	        
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