Die Dichtung der Renaifsance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 229
und adligen Kreisen bestehend, sich mehr vornehmlich fran—
zösischen Einflüssen öffnet, wie sie von Adel und Fürstentum
längst schon stärker zugelassen worden waren. Aber auch dann
noch erhält sich auf dem literarischen Gebiete mehr gesund—
einheimischer Sinn, als in den bildenden Künsten, und die
Hagedorn und Gellert wie die Anakreontiker leiten in ihren
Schöpfungen leise und unvermerkt zu jener neuen, gleich anfangs
herrlichen Blüte einer subjektivistischen Dichtung in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts herüber, während auf dem Gebiete
—
zanz entfremdet waren, eine solche Überleitung fehlt und die
Entwicklung mit der Mitte des 18. Jahrhunderts beinah un—
fruchtbar abbricht.
Wenn nun aber die Dichtung dieser Zeit, im ganzen be—
trachtet und abgesehen von den Schöpfungen einzelner Genies,
die eine bessere Zukunft vorwegnahmen, vor allem Verstandes⸗
dichtung war, so war damit eine Entwicklung gegeben, die zu⸗
nächst versuchen mußte, einen Kern jedweden oder auch gar
keinen Inhalts mit poetischen Formen zu umkleiden; und diese
Entwicklung mußte darum mit dem Aufsuchen spezieller poetischer
Formen ebenso beginnen, wie es ihr in Formenüberfülle und
Schwulst zu enden bestimmt war. Und dieser Entwicklung
mußte dann eine zweite Periode folgen, in der man eine ver—
tändig-poetische, ja, wenn dies Oxymoron zulässig ist, eine
nüchtern-dichterische Bearbeitung auch des Kernes versuchte: sie
konnte also anfangs vielleicht mit einem scheinbaren Aufschwung
deginnen, mußte aber schließlich dennoch in Prosa und, schlimmer
noch, in läppischem Wesen entarten.
Die erste dieser Perioden beginnt leise schon im 16. Jahr⸗
hundert, tritt deutlich in Erscheinung mit Opitz, und endet
spätestens um 1700: sie entspricht dem Barock, sie schafft in
hrer vollen Durchbildung wie dieses vornehmlich auf den Ge—
samteindruck und verhüllt zu dessen Gunsten die tiefere Form
und den Inhalt. Die zweite Periode entspricht dem Rokoko
mit seinem gleichsam nackteren Schaffen, das die Konstruktion
drosaisch heraustreten läßt; an ihrer Spitze steht kein großer