230 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Dichter, so wenig wie an der Spitze des Rokokos ein großer
Künstler; sie besteht als Oberströmung etwa bis zur Mitte des
18. Jahrhunderts, und ihre letzten großen Vertreter sind Hage—
dorn und Gellert; in der Anakreontif verfällt sie schließlich ins
Prosaisch-Lächerliche, wenn auch die Anakreoutiker zugleich in
den Farben eines unreifen Subjektivismus schillern. —
Die Anfänge der ersten Periode reichen bis in eine Zeit
hinab, in der die Nation noch eine bedeutendere nationale Kunst
besessen hatte, wie sie selbst in den Zeiten der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts noch nicht ganz verloren gegangen war:
nicht ohne Grund knüpfte späterhin die erste wieder wahr—
haft nationale Dichtung, die der Empfindsamkeit und der
Sturm- und Drangperiode, von neuem an diese Zeiten, an
Hans Sachs vor allem, an. Den Zeitgenossen des 16. Jahr⸗
hunderts aber konnte der Sprung von Hans Sachs zu einer großen
dramatischen Kunst noch nicht unausführbar erscheinen. Freilich,
wir wissen schon, welche Mächte diese Entwicklung jäh abbrachen:
mit dem Falle des großen Bürgertums des 16. Jahrhunderts,
das schon Melanchthon sich allein noch als Träger einer wür⸗
digen deutschen Geistesentwicklung hatte denken können, fiel auch
die wichtigste Bedingung einer nahe scheinenden Größe: die
aächsten Zeiten der Dichtung sind nicht mehr eigentlich volks—
tümlich-bürgerlich gewesen; es herrschten in ihnen vielmehr
Geistliche und Gelehrte wie später Gelehrte und Fürsten. Da—
neben hatte aber auch die spezielle literarische Entwicklung des
16. Jahrhunderts schon in sich manche Ursache des Verfalls
getragen. Die Literatur in allen ihren Zweigen war anfangs
der Reformation, später den kirchlichen und theologischen Streitig⸗
keiten dienstbar gemacht worden: so hatte man die Form über
dem Inhalt vernachlässigt. Daneben hatte der Humanismus
gelehrten Charakter angenommen, war zwar Bestandteil einer
bisher wesentlich nur nationalen Bildung geworden, teilte sich
aber dieser nicht in nationaler Sprache, sondern mit lateinischer
Eleganz und hochmütigem Herabsehen auf die Volkssprache mit:
und machte er späterhin von dieser Gebrauch, so geschah es
lange Zeit hindurch unter der Vorstellung, daß für dieses