Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 237
ihres Verhältnisses zur Welt überhaupt. Und diese neue Poetik
war die der Renaissance.
Im Altertum hatten Römer wie Griechen die Philosophie
der Dichtung besonders fleißig entwickelt und als die besten
Zusammenfassungen ihres Denkens zukünftigen Zeiten die Poetik
des Aristoteles und die Ars poetica des Horaz hinterlassen.
Sehr natürlich, daß diese großen Namen und Werke von der
Zeit an zu wirken begannen, da im Verlaufe der Renaissance
eine internationale, weitumfassende neulateinische Dichtung er—
blühte. Und da diese zunächst in Italien aufkam, so waren
es vor allem Italiener, die die alten Theoretiker zuerst auf⸗
gesucht und neben ihnen, in ihrem Sinne, ja angeblich ihnen
allein folgend neue Lehren der Dichtung aufgestellt hatten. Von
Italien aus aber drangen diese neuen Systeme weiter; und bald
traten ihnen da, wo der Renaissance jenseits der Alpen das
dielleicht ungestörteste Abblühen gestattet war, neue Systeme
zur Seite: für Frankreich wurde die 1561 erschienene Poetik
des älteren Scaliger maßgebend und die auf dieser beruhende
Lehre des Ronsard, für die Niederlande die ebenfalls von
Scaliger abhängige Theorie des Daniel Heinsius. Heinsius'
Lehre aber, sowie Scaligers und Ronsards Ideen brachte Opitz
'n seinem Buche von der Poeterey ins innere Deutschland.
Ist das der äußere Vorgang, so fragt es sich, was er im
tieferen Grunde für Binnendeutschland bedeutete, dessen natio—
rale Dichtung bisher den Theoremen der Renaissance ferner
geblieben war.
Die Poetik des Scaliger, auf die schließlich fast alle Theo—
rien der mitteleuropäischen Renaissance und somit auch die
mneisten Sätze der Opitzischen „Poeterey“ zurückgehen, beruht
ihrerseits vor allem auf Vergil und Horaz, also auf den
Lateinern, im Gegensatze zu Homer und Aristoteles. Im
übrigen ist sie kein einfaches Gesetzbuch der Dichtung, sondern
ein dickleibiges, wesentlich nur registrierendes und klassifizieren⸗
des Werk in der Art der gleichzeitigen philologischen Gelehrsam—
eit, geschwätzig, von gehässiger Kritik und roh-empirischer Auf⸗
zassung künstlerischer Probleme; damit aber freilich auch eine