Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 239
Lüge, wie an sich eines mit ihrem Charakter nicht weiter zu⸗
sammenhängenden, zu diesem also indifferenten Inhalts: ein
Zeitalter rein formaler Auffassung der Dichtung wurde er—
zffnet. Und so gleichen denn die Poeten ganz den rationalistischen
Malern:
.... wir schreiben den Verstand
Und Weisheit in ein Buch; ihr malt sie an die Wand.
Worin aber bestehen nun die Formen der Poesie? Es
sind die Formen des Barocks. „Tu auras en premier lieu
les conceptions hautes, grandes, belles, et non trainantes
à terre“ hatte schon Ronsard gesagt!. Opitz eignete sich diese
Meinung an: erhaben soll die Dichtung sein, von großen
Formen, fern der bisher so beliebten sexuellen Sphäre: Poeten
sollen „so züchtig reden, daß sie ein jegliches ehrbares Frauen—
zimmer ungescheuet lesen möchte“?. Diese erhabenen Formen
aber findet man am besten bei den Lateinern, vor allem bei
Vergil; und sie führen zum heroischen Epos, der von der
ganzen Periode höchstgestellten Dichtungsart, auf deren Boden sie
zroße Leistungen sehnsüchtig erwartete.
Dem Epos gegenüber treten alle übrigen Dichtungsformen
verhältnismäßig zurück; das Drama wird zwar geschätzt, aber
nicht verstanden; die Satire, als ein langes Epigramm gefaßt,
soll höflich sein und wird damit ihres Wertes entkleidet,
während man das eigentliche Epigramm noch eher zuläßt. Im
ganzen wird damit der nationalen Dichtung eine Wendung zu—⸗
gemutet, die sie von den verheißungsvollen Anfängen grade des
16. Jahrhunderts, dem Drama und auch noch der Satire ab—⸗
ruft auf ganz andere Gebiete.
Opitzens „Poeterey“, die den wirklich dringenden metrischen
und rhythmischen Bedürfnissen der deutschen Dichtung entgegen⸗
kam, hat doch auch, ja man kann sagen vor allem in dieser all—
gemeinen, die Ziele der Dichtung überhaupt bestimmenden Richtung
durchschlagend gewirkt. Allein sie hat noch mehr geleistet. Indem
sie das grade im tiefsten Grunde vorhandene Bedürfnis nach
1Zit. Borinski S. 67.
2 A. a. O. S. 73.