240 Swanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
einer individualistischen, rationalistischen Ausgestaltung der Poesie
überhaupt durch Verbreitung der außerhalb Deutschlands schon
international gewordenen Theorien der Renaissancepoetik be—
friedigte und in ihrem Sinne die Poesie vor allem als lernbare
Kunst der Nachahmung bezeichnete, ist sie zugleich das Manifest
einer vollen neuen Periode der deutschen Dichtung geworden.
Nach beiden Seiten hin, der formalen wie der materiellen,
werden wir im folgenden den Bildungsgang dieser Dichtung
zu verfolgen haben.
II.
1. Im Grunde ist auch in der Zeit der Renaissance—
dichtung die poetische Gattung, die eigentlich führte oder
wenigstens den Zeitgeist am besten zum Ausdruck brachte, die
Lyrik gewesen. Dies trotz aller Schwärmerei für das Epos.
Denn was ist auf epischem Gebiete, als dessen höchste Leistung
man die versifizierte Erzählung einer ereignisreichen Geschichte
unter Hereinziehung von Allegorien und Göttermaschinen ver⸗
stand, denn schließlich erreicht worden? Bestrebungen, wie sie
mit Opitzens „Geburt Christi“, „Zlatna“, „Vesuvius“ begannen,
endeten schließlich in den frostigen Beschreibungen fürstlicher
Hoflager, in den angeblichen Poesien eines Herrn von Besser
und verwandter Dichter. Zur Höhe auch nur von Voltaires
Henriade“ haben es die Deutschen nicht gebracht.
Aber schon vor dem Eingreifen Opihtzens hatte sich das
deutsche literarische Leben auf dem Gebiete vornehmlich der
Lyrik wieder etwas zu heben begonnen und hatten einige be—
zabte Dichter auf eigene Faust Wege zum antiken Parnaß zu
bahnen gesucht. So wüst die politischen Zustände vor und
nach 1600 auch waren, insoweit das Verhältnis des Reiches
zu den Territorien und der Territorien untereinander in Frage
kam!, so herrschte doch in den einzelnen Ländern selbst, eine
Folge stetigen Steigens des patriarchalischen Absolutismus,
S. Bd. V, 2 i-2 S. 608 ff. insbesondere S. 675 ff.