256 Zwanzigstes Buch. Zweites Rapitel.
jener Rationalisierung der Dichtung, welche dem eigentlichen
Beiste des Zeitalters entsprach.
So folgte denn dem Schwulste eine der Opitzischen Zeit
wiederum vergleichbare, nur noch ungleich stärkere Periode
reiner verstandesmäßiger Nüchternheit. Sie begann mit den
achtziger Jahren etwa des 17. Jahrhunderts: klar zutage trat
sie, nun getragen durch den allgemeinen Ausbruch der
geistigen Aufklärung wie verwandter Erscheinungen auf dem
Gebiete des Seelenlebens, seit der Wende des 17. Jahrhunderts;
denn mit dem ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts begannen
sogar die Pegnitzschäfer teilweis in den neuen, nüchternen Stil
einzulenken.
4. In der Gärung, die diesen Umschwung einleitete,
wirkten anfangs sehr verschiedene deutsche Kräfte und außerdem
von jenseits der deutschen Grenzen niederländisch- französische
Einflüsse mit- und gegeneinander. Aber die niederländischen
Einflüsse traten allmählich zurück, und es siegten schließlich die
französischen: hier wirkte die feste Zusammenfassung der dich—
terischen Kunstübung durch Boileau und zugleich die allgemeine
Zeitströmung durchschlagend, die seit den letzten Dezennien des
17. Jahrhunderts französischem Import jeder und namentlich
geistiger und künstlerischer Art Tor und Tür öffnete.
Dabei war es, der allgemeinen Entwicklung am Ende des
17. Jahrhunderts entsprechend, anfangs noch der Geist des
ausgehenden Barocks, der einströmte. In ihm hat, vermischt
noch mit niederländischen Reminiszenzen, der würdige Friedrich
von Canitz (1664 -99) aus Brandenburg, ein Diplomat aus
der Schule des Großen Kurfürsten, aber ein selbständiger Edel⸗
mann, geschaffen. Neben den Franzosen sind es die Lateiner,
auf die er zurückgeht, freilich eben die, von denen auch die
Franzosen lernten und gelernt hatten, vornweg Horaz und
Juvenal. Das, was ihn auszeichnet, ist nicht besonders hohe
dichterische Begabung, wohl aber Ernst und Reinheit des Ge⸗
fühls: es schien, als ob eine zwar verstandesmäßige, doch