Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 261 
hielt sich länger als sonstwo die literarische Disposition des 
16. Jahrhunderts, und jener Entwicklungsgang der nationalen 
Dichtung, der als der von innen heraus erfolgende und 
darum natürliche erscheinen muß, wurde nach Kräften bei— 
behalten. 
Ganz dieser Disposition gehört noch der in Gießen ge— 
borene originelle Hamburger Pastor Balthasar Schuppius an 
(1610- 1661, seit 1649 in Hamburg). Er war allerdings als 
Dichter wenig bedeutend. Aber seine Werke in Prosa, seine 
Streitschriften, Abhandlungen, Erzählungen, Litaneien, Predigten 
wimmeln von satirischen Elementen alten Stils, denen nichts 
fehlt als ein großer Gedanke, ein konzentriertes Ideal, um im 
höheren Sinne zu wirken. 
Neben Schuppius stehen als eigentlich norddeutsche 
Satiriker dieser Zeit Johann Lauremberg aus Rostock (1591 
bis 1659) und der namentlich im Dithmarschen wirkende 
Joachim Rachel (1618 -1669). Sie sind immerhin schon stark 
oon der Renaissance beeinflußt, und die römischen Poeten von 
Juvenal bis zu Martial sind ihre Vorbilder. Im ganzen aber 
ziehen sie sich doch auf die alte soziale Satire, ja die her— 
gebrachte Form des satirischen Schwankes zurück; die hervor— 
ragendste Leistung Laurembergs, die plattdeutschen vier alten 
Scherzgedichte (1653), handeln von der Menschen jetzigen ver— 
dorbenen Wandel und Manieren, von alamodischer Kleidertracht, 
von vermengter Sprache und Titeln, und von Poesie und Reim— 
gedicht. 
Ganz auf dem Niveau des 17. Jahrhunderts und seiner 
Renaissancepoesie bei im übrigen oft recht wirksamem Inhalt 
steht die Satire des schlesischen Edelmanns Friedrich von Logau 
(geboren 1604 in der Nähe von Nimptsch, gestorben 1656). 
Bei ihm nimmt die Satire nach dem Muster Martials die 
Form des Epigrammes an. Was Logau in dieser Form in 
seinen dreitausend Sinngedichten, die 16654 unter dem Namen 
Salomons von Golau erschienen, darbietet, zeugt gewiß von 
Kenntnis der Welt, und der Standpunkt der Beurteilung ist 
der ehrenhaft-konservative, der sich patriotisch im Sinne einer
	        
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