264 Swanzigstes Buch. Zweites LKapitel.
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Nachahmungen aber wirkten fast noch mehr als die Originale
nun auch auf die Technik des deutschen Schauspiels ein man
machte bemerkenswerte Fortschritte.
Gewiß war dabei auch noch das vollendete Drama des
16. Jahrhunderts weit entfernt von der Durchbildung, welche
unser Schauspiel technisch und psychologisch seit der Mitte des
18. Jahrhunderts erfahren hat: weder Charakterentwicklung
noch Einheit der Form wurden gefordert; namentlich die Ein—
heit der Form ist auch Hans Sachs, dem bedeutendsten Dichter
der Periode, noch gänzlich unbekannt geblieben; genug, wenn
wenigstens auf den geschlossenen Aufbau des einzelnen Aktes gesehen
wurde. Aber dennoch schien der Aufschwung zu einer höheren
dramatischen Form nationalen Charakters bevorzustehen, als
diese Bewegung durch die Unqunst äußerer Verhältnisse ge⸗
hemmt ward.
Die Nation hatte um die Wende des 16. und 17. Jahr⸗
hunderts nicht bloß keine großen öffentlichen Interessen mehr
— dieser Umstand hatte schon die Satire nicht vorwärts kommen
lassen —: sie hatte auch keine Bühne. Grade das lateinische
Schuldrama hatte hier schädlich gewirkt durch seine Schüler⸗
aufführungen. Die eigentliche Ursache des Mangels freilich lag
tiefer. Die Städte gingen zurück, und so litten die geistigen
Interessen da, wo es allein zur Durchbildung von Bühne und
Bühnenkunst hätte kommen können.
Das Fehlen einer nationalen Schauspielkunst hatte aber
noch verhängnisvollere Folgen. Alle Kunst ist sinnlich und
kann daher ohne sinnliche Darstellung nicht gedacht werden.
Darauf beruht auf niedrigen Kulturstufen die Einheit der
künstlerischen Erfindung und Darstellung: Aktion und dichterisch⸗
musikalisches Empfinden, ja Schaffen gehen zusammen; erst spät
trennt sich der Schöpfer vom Darsteller. Etwas Ähnliches gilt
auch später noch für alle erst werdenden Kunstformen; und so
auch für das Drama des 16., ja noch 17. Jahrhunderts. Die
Schauspieler stellten in dieser Zeit nicht bloß die Dichtung
S. dazu Bd. VI, S. 247 ff.