Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 265 
eines Dritten dar, sie wirkten vielmehr in höchstem Grade 
noch schöpferisch tätig mit: unendlich weit gezogen ist noch die 
Grenze der dichterischen und der darstellenden Improvisation; und 
es ist kein Zufall, daß zwei bedeutende Schauspieler dieser Zeit, 
Shakespeare und Molire, zugleich ihre größten Dramatiker sind. 
Unter diesen Umständen läßt sich ermessen, was es für das 
deutsche Drama bedeutete, daß ihm durch eine ungünstige äußere 
Entwicklung Bühne und Bühnenkunst versagt blieben. Es be— 
gann, soweit es im 16. Jahrhundert volkstümlich entwickelt war, 
an diesem Mangel vornehmlich zugrunde zu gehen. 
Eben in den Zeiten seiner Krise aber schien dem be— 
stehenden Mangel auf sehr eigenartige Weise, durch das Er— 
scheinen fremder Schauspieler, abgeholfen zu werden. 
In England hatte sich, unter volkstümlichen wie antiken 
Einflüssen zugleich, ein Drama des 16. Jahrhunderts ähnlich 
dem deutschen entwickelt. Allein es hatte den Vorteil eines 
hauptstädtischen Publikums und aufsteigender gesellschaftlicher 
wie politischer Verhältnisse gehabt, und so trat ihm eine wirk— 
liche Bühnenkunst zur Seite: 1576 wurde zu London das erste 
Theater eröffnet, und am Ende des Jahrhunderts war die 
Zahl der Theater in London größer als heute. Es waren 
Jahre der Schulung teilweis unter Shakespearischer Herrschaft; 
rasch stieg der Ruf des englischen Schauspiels, und bald 
unternahmen seine Darsteller Gastspielreisen ins Ausland. 
Im Jahre 1585 spielte eine englische Truppe vor dem 
König von Dänemark; 1586 finden wir sie, fünf Mann stark, 
am sächsischen Hofe und danach in Danzig. Vom Jahre 1592 
ab erneut sich dann in Deutschland der Zuzug englischer 
Truppen und wird bald ständig auf fast anderthalb Jahr— 
hunderte. Die Blütezeit des englischen Wirkens aber liegt 
um etwa 1620; in diesem Jahre erscheinen die deutsch be— 
arbeiteten „Englischen Komödien und Tragödien“. Waren diese 
Schauspieler anfangs vornehmlich an den Höfen zu finden, so 
wurden sie bald vor allem Gäste der Messen und Märkte: so 
gelangten sie nach Frankfurt, Köln, Straßburg, Nürnberg, 
auch in norddeutsche Städte. Und früh schon spielten sie nicht
	        
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