Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 271 
Allein auch er kam doch nicht über die Schaffung von bloßen 
Typen hinaus. 
Damit ist denn zugleich das Urteil über seine Dramatik 
gesprochen. Hatte schon Vondel keine Nachfolger, so erst recht 
nicht Gryphius: beider Werke verwelkten früh in dem unfrucht— 
baren Untergrund der reinen Doktrin der Renaissance. Für 
Gryphius aber kam hinzu, daß ihm jeder Zusammenhang mit 
der Schauspielkunst, mit dem Leben der Bühne fehlte: und so 
war sein Einfluß von vornherein unterbunden. 
Was freilich Gryphius bei seiner echten dramatischen Be— 
gabung der Nation hätte sein können, wäre es ihm möglich 
gewesen, auf nationalem Wege zu wandeln, das zeigen seine 
Lustspiele, sein „Horribiliscribifag“ mit der schon ganz indi— 
vidualisierten Figur der „geliebten Dornrose“, eine tolle Nach— 
bildung des Plautinischen „Miles gloriosus“, und seine „Ab- 
surda Comica oder Herr Peter Squenz“, die den Stoff der 
Handwerkerkomödie in Shakespeares „Sommernachtstraum“ 
oerarbeitet. 
Allein Gryphius war es grade mit diesen Erzeugnissen 
seiner dramatischen Muse nicht völlig Ernst. Wie schon der 
eingeschalteten Komödie Shakespeares wenigstens teilweis die 
Tendenz aristokratischer Verspottung der Handwerker zugrunde 
liegt, so treten verwandte Motive bei Gryphius um vieles 
deutlicher hervor: er schafft nicht im Sinne des Derb-Volks— 
tümlichen, sondern in der bewußten Absicht, das Volksleben im 
Sinne des Rationalismus und des gelehrten Fortschrittes seiner 
Tage zu verspotten. Und so bedeuten seine Lustspiele keine 
Amäherung, sondern vielmehr die härteste Abwendung von den 
tieferen dramatischen Instinkten der Nation. 
Nun starb allerdings das deutsche Renaissancedrama alten 
Stiles mit Gryphius noch nicht aus; später hat z. B. noch 
Lohenstein in seiner Weise gedichtet. Aber indem Lohenstein die 
schon bei Gryphius recht schwülstige Diktion in den Bombast der 
Periode Hofmannswaldaus überführte und zugleich im Aufbau 
seiner Dramen wie in der Wahl möglichst grausamer und 
schrecklicher Stoffe für sie die Konsequenzen der zweiten schlesischen
	        
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