Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

274 Zwanzigstes Buch. Zweites RKapitel. 
vor der Mitte des 18. Jahrhunderts zu vertreiben begannen, 
spuken seine Schemen bei uns noch in den schönsten Erzeug— 
nissen der großen subjektivistischen Dichtung. 
Was war nun gegen die Trübung und Verfälschung des 
deutschen Wort- und Empfindungsschatzes zu tun? Und was 
gegen jenen Gebrauch fremder Sprachen, namentlich des Fran— 
zösischen und des Lateins, der mit ihr immer mehr vordrang? 
Zum großen Teil schon gegen diese Übel waren die alten 
deutschen Orden und Gesellschaften der ersten Hälfte des 
17. Jahrhunderts gegründet worden, der Palmbaumorden, der 
Pegnitzerorden und andere; ihnen folgten, in erneuten Bestrebungen 
vor allem zur Reinigung des Wortschatzes, seit 1097 die so— 
genannten deutschen oder deutschübenden Gesellschaften, zuerst 
zu Leipzig, dann zu Hamburg (1705), Jena (1728), Halle 
(1733), Göttingen (1738), während inzwischen eine zunächst 
theoretisch, dann praktisch werbende Bewegung zur Abhaltung 
deutscher Vorlesungen an den Universitäten eingetreten war: 
Balthasar Schuppius (1655), Christoph Schorer (1659), Johann 
Valentin Andrege (1673), vor allem Thomasius (1687) sind 
hvier die entscheidenden Namen. 
Aber wurde auch nur für die Reinigung des Wortschatzes 
oiel erreicht? Die Neigung zum Schwulst, die in der Poesie 
ein „majestätische Heldensprache“, in der Prosa eine „mehr 
fließende Beredsamkeit, ausgesuchtere Worte und weitschweifigere 
Umstände, Gedanken vorzustellen“ brauchte, und die durch die 
Renaissancepoetik immer wieder, wenn nicht hervorgerufen, so 
doch verstärkt wurde, machte die besten Bestrebungen zuschanden. 
So drohte schließlich nach dem Urteil auch ruhiger und weit⸗ 
sichtiger zeitgenössischer Dramatiker selbst die Errungenschaft 
der neuhochdeutschen Schriftsprache wieder verloren zu gehen. 
Leibniz z. B. konnte in seinem „Unvorgreiflichen Bedenken, be— 
treffend die Ausübung und Verbesserung der teutschen Sprache“ 
ausführen, das Deutsche sei wohl in allem Sinnlichen und Leib⸗ 
lichen, in allen Worten und Wendungen für das gemeine Leben 
ausgebildet, nicht aber für die Bezeichnung der Gemüts—
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.