Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 279 
des 14. und 15. Jahrhunderts anknüpfen: die Vollendung in 
gewissem Sinne, den satirischen Roman in künstlerischer Ab— 
rundung brachte erst Grimmelshausen. 
Grimmelshausens „Simplicissimus“ ist oft mit Wolframs 
„Parcival“ verglichen worden. Und in der Tat: das Problem, 
wenn man es nicht allzu tief faßt und nur in der großen Frage 
der Lebenserziehung sieht, ist der Hauptsache nach dasselbe, 
und namentlich der Anfang der Lebensgeschichte unseres bäuer— 
lichen Simplicissinus mahnt an das naiv⸗-⸗ unbewußte Empor— 
wachsen des ritterlichen Gotteshelden. Allein wenn Wolfram 
das große Problem seines Epos im ganzen etwa so folge— 
richtig beibehält wie Goethe das verwandte Problem der Bil— 
dung des modernen Menschen im „Faust“ und im „Wilhelm 
Meister“, und wenn es ihm dadurch gelingt, ein auch der Form 
nach geschlossenes Kunstwerk zu schaffen, so steht Grimmelshausen 
'n diesem Punkte zurück. 
Es zeigt sich hier, wie nötig doch, bei allen Abwegen, die 
sie veranlaßt oder wenigstens nicht gehindert hat, die Episode 
der Renaissancepoetik für die deutsche Dichtung war oder hätte 
sein können: der verwilderten Poesie des 16. Jahrhunderts tat 
die formelle Schulung durch einen fremden Geist gut; wo diese 
mangelte, da wurde es ihr und ihren volkstümlichen Fort— 
setzungen im 17. Jahrhundert schwer, sich zusammenzuraffen: 
und selbst ein so geschlossener Geist wie Grimmelshausen hat 
seiner Erzählungsgabe, die freilich fast unerschöpflich war, zu— 
viel nachgegeben, um ein Kunstwerk vollendeter Komposition zu 
schaffen. 
Freilich: verhinderte nicht am Ende ein viel innerlicherer 
Mangel die Durchführung eines wirklich geschlossenen Aufbaus? 
Der eingehenderen Betrachtung erscheint die Psychologie des Dich— 
ters doch in vieler Hinsicht noch als auf dem niedrigen Niveau 
des 16. und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts befindlich. 
Gewiß gebietet Grimmelshausen über eine treffliche Summe 
intimer Lebenserfahrungen, die auf eine verfeinerte Be— 
obachtungsgabe schließen lassen. Aber im Hintergrunde seiner 
pfychologischen Fassungskraft steht doch sozialpsychologisch noch
	        
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