280 — Swanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
immer das alte Ständeschema und individualpsychologisch noch
immer die Auffassung der menschlichen Eigenschaften als gött—
licher oder teuflischer Inspirationen; und diese Anschauungen
treten im Verlaufe des Romans um so mehr hervor, als die
ursprünglich mehr psychologische Konzeption allmählich einer
mehr äußerlichen Erzählungsweise weicht, die von reinem Fabu⸗
lismus getragen wird; konnte unter diesen Umständen die Ein—
heit der Komposition, selbst wenn ursprünglich beabsichtigt, ge—
wahrt werden? Sogar in der Schilderung größerer Ensemble⸗
szenen fiel sie hinweg, indem an deren Stelle eine Zerlegung in
die Schicksale und Handlungen der einzelnen Personen und
eine nun freilich überaus eingehende und genaue Schilderung von
Einzelmomenten trat.
Dringt man indes über die Unförmlichkeiten der Kompo⸗
sition, die gegenüber früheren Romanen immerhin schon stark
gemäßigt erscheinen, in den Geist des Romans als eines Ganzen
vor, so zeigen sich doch bereits manch wunderbare Keime
eines Neuen. Man wird dessen inne, daß der Dichter nicht bloß
ein Geist des 17. Jahrhunderts war. Seine Interessen tragen
weiter, und die Mischung seiner seelischen Eigenschaften deutet
bereits ahnungsvoll an, was die bürgerliche Literatur des
18. Jahrhunderts dereinstens sein wird. Schon melden sich
leise Zeichen der Verachtung des Rationalen, Funken sentimen⸗
taler Stimmung stieben empor, die Sehnsucht der Abkehr von
dem Gemachten, des Eintritts in Welten einer höheren und
reineren Natur lebt sich in ergreifenden Erfindungen, in den
Anfängen vor allem einer den Helden erlösenden Robinsonade
aus: es klingt hervor wie die ersten leisen Töne eines Prä—
ludiums zu Rousseau und Herder.
Und hier eben ergibt sich der sicherste Beweis für den nationalen
Charakter dieser Romanpoesie: hinweg über die gelernten und
gemachten Formen der Renaissancepoetik sucht sie den Ausdruck der
eingeborenen Art, der erreichten Kulturhöhe des Volkes. Darum
ist sie echt und hat das Feuer der Zeiten überstanden, während
Opitz und seine Nachfolger der zersetzenden Einwirkung der mittler—
weile eingetretenen Wandlungen der Volksseele erlegen sind.