Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 288
des 18. Jahrhunderts immer mehr abgestreift zu werden begann,
regten sich leise neue Lebensformen einer rein bürgerlichen
Gesellschaft.
Diese Lage nun, diese Mischung von Künftigem und Ver—
gangenem, verleiht der geistigen Kultur nach 1700 in Deutsch-
land, vornehmlich soweit die darstellenden Künste in Betracht
kommen, ein Doppelantlitz: sie ist konservativ und trägt in
dieser Hinsicht die Form eines aufrichtigen Rokokos, dessen
gesellschaftliche und künstlerische Motive an erster Stelle von
Adel und Fürsten aufgenommen worden waren, und sie ist
fortschrittlich, indem ihr Verlauf Züge zu zeigen beginnt, die
immer mehr vom Rokoko abweichen und auf eine neue, vor⸗
nehmlich bürgerliche Kultur, die Kultur eines kommenden primi—
tiven Subjektivismus, hinweisen.
Natürlich wird damit diese Periode, die Jahre von 1700
etwa bis 1750, zu einer Zeit der Gärungen und Übergänge.
Schwer atmend gleichsam ringt sich manches Neue durch; da—
neben halten sich Reste des Alten. Ja während die neuen
subjektivistischen Regungen nur zerstreut und enthusiastisch auf—
treten, bringt es die alte Geisteskultur erst jetzt zum harmo—
nischen Abschluß ihrer gesamten Auffassungen in der Entwick—
lung der allgemeinen Weltanschauung der Aufklärung!.
Noch verworrener aber wird dieser an sich schon schwierige
Werdegang des Neuen dadurch, daß sich in den Verlauf seines
gewundenen Weges die Entwicklung einer neuen Renaissance
einschiebt, die einerseits auf der Erkenntnis beruht, daß vieles
von dem geistig Neuen, das man sucht, schon einmal von der
griechischen Volksseele entfaltet worden sei und daher in der
Tradition der Antike vorliege, die aber anderseits auch noch
von dem Fortebben gewisser Richtungen der mittlerweile völlig
durchgebildeten römischen Renaissance des 17. bis 18. Jahr⸗
hunderts und des in ihr eingeschlossenen Rationalismus ab⸗
hängt.
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S. oben S. 126 ff.