Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 299 
—D— 
seine steigende Kenntnis der französischen Literatur, wo Boileau 
und Lafontaine ihn besonders fesselten, brachten ihn der romanisch— 
englischen Durchbildung der literarischen Renaissance ins Rokoko 
näher und führte ihn zugleich auf die dieser Richtung kon— 
genialsten Alten: Anakreon vor allem und Horaz. Und er 
baute unter deren Schutze um so lieber Hütten, als ein deutsches 
Volkslied, an das er seiner ganzen Art nach vielleicht veredelnd 
und hebend hätte anknüpfen können, nicht mehr vorhanden war. 
Denn die Volkspoesie war seit Ausgang des 16. Jahrhunderts 
völlig verkümmert; die Gebildeten hatten sich seit dem Dreißig— 
jährigen Kriege etwa dem neuen studentischen und soldatischen 
Gesellschaftsliede zugewendet; und fast nur in kriegerischen 
Berichten von meist sehr untergeordnetem dichterischem Werte 
trieb die alte Wurzel noch Schosse. Aber auch das ältere 
Gesellschaftslied des 16. wie das neuere des 17. Jahrhunderts 
waren verderblichem Einflusse unterworfen, indem der Geist der 
Renaissancepoesie immer mehr in ihre Form, das Gelehrtentum 
immer mehr in ihre Stoffe eingedrungen waren. An Stelle 
der alten, frischen und charakterisierenden Originalität waren 
damit steife Alamodegedanken oder richtiger Alamodephrasen 
getreten: das kernhaft Nationale war dahin. War das ein 
Zustand, der einen Dichter von der Bedeutung Hagedorns hätte 
zu Anknüpfungen veranlassen können? 
Hagedorn ging viel lieber von den Alten aus. Oder noch 
mehr vielleicht von Franzosen und Engländern? In England 
hatte schon die Lyrik Matthew Priors (1664 —1721) anakreon— 
tischen Geist geatmet; in Frankreich waren der Abbé de Chaulieu 
und eine ganze Dichtergruppe auf der gleichen Spur: eine 
Dichtung von geringem poetischem Gehalte, aber von graziöser 
Metrik und glatter und melodiöser Sprache war im Entstehen, 
ein Gegenstück zu den Gemälden eines Adriagen van der Werff 
oder noch besser eines Watteau und Boucher. 
Hagedorn führt in der Vorrede zu seinen lyrischen Gedichten 
aus, daß Sappho, Anakreon und Horaz ihm Muster für kleine 
Oden und Liederchen gewesen seien. „Sie werden finden, daß
	        
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