Weitere musikalische und literarische Übergänge. 329
wie die schöpferische Musik völlig über die freigelegte Schwelle.
Vielmehr, wie oft in Übergangszeiten, fanden sich Meister, die
mit der Vollreife der Kunst der Vergangenheit die ahnungs—
volle Wiedergabe von Wirkungen des Kommenden verbanden.
Und in diesem Falle waren es Deutsche und waren es
Genies, Händel und Bach. Ein sich ergänzendes Dioskuren—
paar, schließen sie die alten und eröffnen sie neue Zeiten der
deutschen Musik.
Georg Friedrich Händel, im Jahre 1688 zu Halle geboren,
war ein Zögling der strengen deutschen Organistenschule;
Zachau in Halle war sein Lehrer; und er selbst hat später nach
dem Urteil kompetenter Zeitgenossen neben Bach zu den gewal—⸗
tigsten Organisten gehört, wenn auch die von ihm erhaltenen
Orgelwerke ein Urteil über seine Bedeutung nicht mehr ge—
statten. Von Haus aus aber war Händel, ein schroffer, ruhelos
allem Edlen zugewandter Geist, an erster Stelle dramatisch be—
anlagt. So trieb es ihn schon früh, in den Jahren 1703 - 1706,
zur Hamburger Oper!. Von Hamburg ging er mit wenigem
Ersparten nach Italien, von da 1710 zum ersten Male nach
London, wurde dann 1712 Kapellmeister in Hannover, reiste
von neuem, nahm 1717 eine Kapellmeisterstelle beim Herzog von
Chandos in Cannons an und setzte sich endlich seit 1720 in
London fest. Hier ist er, in hohem Alter des Augenlichts be—
raubt, im Jahre 1759 gestorben.
Händel war, als er in seine Londoner Tätigkeit und da—
mit in die große Zeit seines Lebens trat, viel gereist und viel
erfahren. Er kannte die deutsche, französische und italienische
Musik, vor allem die Oper. Und zur Bebauung des Gebietes
der Oper besonders fühlte er sich hingezogen; von 1720 bis
1740 hat er die Londoner italienische Oper mehr oder minder
leitend, durch die wechselreichsten Schicksale hindurch, anfangs
im schärfsten Wettbewerb mit italienischen, später auch mit
deutschen Musikern, namentlich Hasse, beeinflußt.
S. oben S. 295.